Le Grand-Lemps/Grenoble nach Figeac 2

17.9.20 Ein Tag Le Puy-en-Velay
12 km
Trotz der speziellen Location habe ich gut geschlafen. Züge fahren wie gesagt kaum und der Autoverkehr ist nachts auch nicht vorhanden. Die Sonne lacht von einem strahlend blauen Himmel, oh wie schön das ist, das habe ich mir für Le Puy so sehr gewünscht, denn es gibt heute viel zu sehen. Aus Coronagründen gibt es kein Frühstück im Hotel, man soll in ein bestimmtes Café gehen, die Frau dort weiß Bescheid. Okay, dann mache ich das mal, vielleicht ist es ja nicht allzu schlecht. Leider war es einfach nur ultrasüß, das Brot hart, der Kaffee mit Zucker, oh nee, da komme ich morgen aber nicht nochmal her, das lasse ich besser. Es ist noch empfindlich kühl, sollte sich aber im Laufe des Tages auf 30 Grad ausweiten. Nun denn. Als erstes möchte ich unbedingt zur Eglise St-Michel-D'Aiguilhe, auf die Felsspitze hoch.

Alles kostet was, somit muss ich warten bis sich um 9 Uhr die Tür unten öffnet. Ich dachte schon da würden die Horden vor dem Eingang stehen. Nee, nur ich. Toll. Mit viel Geschnaufe laufe ich die Treppen nach oben, immer mit tollen Aussichten über die Stadt und zur gegenüberliegenden Notre Dame de France. Ich bin unendlich begeistert. 

Oben angekommen entpuppt sich die Kirche als recht klein, ist halt auch nicht viel Platz, die Fläche hat nur einen Durchmesser von 57m². Sie ist über 268 in den Felsen gehauene Stufen zu erreichen. Die Kapelle wurde Im Jahre 969 auf einem 85 Meter hohen Vulkankegel gebaut, das ist schon eine Leistung. Es ist still hier, außer mir sind nur zwei Leute da, gut dass ich so früh gekommen bin. Alte Wandmalereien sind in der mit Säulen bestückten Apsis zu erkennen. Auch arabische Einflüsse sind an der Pforte auszumachen. Ein gusseiserner Engel wartet in der rechten Ecke auf einen und man kann auch Kerzen anzünden. Ich verweile. 

Auf meinem Abstieg komme ich am Musée des Anges, dem Engelmuseum vorbei, welches gaaanz vieles über Engel für einen bereithält: „Nous vous protégeons. Wir beschützen dich“. „Nous sommes le messagiers de Dieu. Wir sind die Boten Gottes“. Nebenan wird sehr anschaulich gezeigt wie so eine Vulkanspitze entsteht mit dem Vulkan unter Wasser vor 2 Millionen Jahren, bis heute mit Kirche oben drauf. Süß.

Sehr erfüllt mache ich mich weiter auf den Weg rüber zur Kathedrale, stehe oben an der großen Treppe, dieser wundervolle Blick nach unten auf die Stadt ist einfach nur atemberaubend. Nebenan ist der Klostergang (Cloître), auch zu empfehlen, mit seinen unverkennbar arabischen Einflüssen, in dem ich einsam meiner Wege ziehe. Nichts los hier. Es gibt auch eine Schatzkammer mit vielen Reliquien der Kirche, auch alten Kleidern für die schwarze Madonna der Kathedrale und wertvollen Jesuskreuzen. 

Im Hintergrund ist schon hoch oben die Marienstatue auf dem Rocher Corneille zu erkennen, die ich ebenfalls gleich besteigen möchte. Hier kostet es natürlich auch wieder was. Die Familie mit Oma vor mir lasse ich galant hinter mir, leider kann Oma nicht so schnell, Glück für mich. Man hat von hier einen tollen Blick auf die große Kathedrale und natürlich rüber zur St. Michel und im Hintergrund das Velay mit seinen Vulkankegeln.

Die Statue Notre Dame de France wurde 1860 aus dem Metall von 213 während des Krimkrieges bei Sewastopol erbeuteten Kanonen gegossen und hat eine Höhe von knapp 23 Metern. Innen gibt es eine tolle Wendeltreppe, die bis zum Kopf der Maria führt, aus dem man dann hinausschauen kann, sowas finde ich ja wieder spannend. Und untern Rock kann man ihr auch schauen :-) Ich mache eine kleine Verschnaufpause auf der Bank auf der Hochebene neben der Maria und begebe mich dann wieder runter in die Stadt. Schmale Gassen mit tollen alten, teilweise bunten Häusern prägen das Altstadtbild. 

Die Rue Pannesac hat zusätzlich noch viele bunte Fähnchen aufgehängt und hier bekomme ich auch meine Postkarten, toll.  Am Place du Plot mit seinem schönen Brunnen lasse ich das Gewusel der Menschen, die zur Mittagszeit draußen sitzen auf mich wirken. Es ist Essenszeit. Hier beginnt nun morgen mein Weg, die Via Podiensis, und es sind noch 1522 km nach Santiago. Obwohl, mein Hotel liegt etwas oberhalb, aber direkt am Weg. Vielleicht ist es besser, wenn ich da morgen einfach aus der Tür rausgehe und links abbiege. Aber es sollte doch noch alles anders kommen als gedacht, aber dazu später. Es gibt noch etwas was ich unbedingt sehen möchte, und das sind die beiden tollen Hausmalereien hier in Le-Puy. Sie sind nicht ganz einfach zu finden, befinden sich auch nicht in der Altstadt, sondern in der vielbefahrenen Umgehungsstraße Rue Faubourg St-Jean und dem weiterführenden Boulevard Maréchal Joffre. Nervt ein bissel mit dem Verkehr, lohnt sich aber. Sie sind einfach umwerfend. Die ganzen Einzelheiten, einfach spannend und toll gemalt. Hier scheint eh das Viertel der bemalten Häuser zu sein, schön. 

Ich bin echt k.o. nach dem vielen Gekraxel und Gelaufe. Vielleicht sollte ich es auch einfach mal wie der Franzose machen und zu Mittag voll reinhauen. Warum auch nicht? Das Nationalgereicht in Le-Puy sind die grünen Linsen, die viel in der Umgebung angebaut werden. Nun denn. Ich gehe zurück in die Altstadt setze mich am Place des Tables draußen an ein kleines Tischchen und bestelle mir mal einfach das Nationalgericht: Saucisse de pays et lentilles vertes du Puy, Französiche Wurst mit grünen Linsen aus der Le-Puy-Region. Sehr lecker, dazu ein schönes Bière pression. Ich fühle mich da an meinem Tischchen, postkartenschreibend so richtig französisch. Es ist angenehm warm und der Kellner ist ein sehr schnieker, netter Monsieur. Toll! Bezahlt wird in Frankreich immer drinnen und nicht am Tisch, okay, machen wir so.

Ziemlich müde nach dem deftigen Essen mache ich mich auf den Weg zum Hotel, ein bissel Mittagsruhe halten. So viele Eindrücke, oh man, die Stadt hat viel zu bieten und es wäre schade, wenn man hier einfach durchrennen würde, aber jeder nach seinem gusto bzw. goût, wir sind ja in France :-)

Gut geschlafen, Wäsche waschen, alles erledigt. Erst mal einen Kaffee, habe ja einen Wasserkocher, das ist großartig. Da ich ab und an über Facebook Fotos meiner Tour poste, bekomme ich auch viele Antworten, das ist schön. Einer meinte ich soll doch morgen unbedingt um 7 Uhr den Pilgergottesdienst in der Kathedrale mitmachen, das sei sehr emotional und toll. Oh nee, habe ich eigentlich nicht auf dem Schirm gehabt. So früh und dann wieder die ganzen Stufen hoch. Nun was soll ich sagen? Ich habe mich überreden lassen und habe es letztendlich nicht bereut, ganz im Gegenteil. Danke dafür!

Nach meiner Mittagsruhe mache mich auf den Weg, die Treppen alle wieder hoch zum Café Le Camino. Hier können sich von 14 bis 18 Uhr Pilger bei einem gemeinsamen Getränk austauschen. Mal sehen wen ich treffe. Alle Pilger im Café sind Franzosen, da habe ich keine Lust zu, schade. Draußen treffe ich aber auf Norbert und Ivette, die beide im Franziskanerkloster untergekommen sind. Wir schnacken eine Weile, dann verabschiede ich mich und treffe sie morgen nach dem Gottesdienst wieder. Beide beenden ihre Pilgertour hier in Le-Puy. Ich gehe zum Glück weiter und bin schon ganz gespannt auf morgen. Ich verlasse also das Café, gehe nochmal in die Kathedrale. Als ich die Treppe runtergehen will treffe ich auf Karl und Herma, die beiden Österreicher, die Freude ist groß, wir schnacken nun auch eine Weile. Sie möchten zwei Tage hier bleiben, da am Wochenende ein großes Festival hier stattfindet. Nun, wir sehen uns auch morgen im Gottesdienst wieder. Leichten Herzens und voll Freude über so einen schönen Tag, laufe ich an der Statue des Generalleutnants Marquis de la Fayette vorbei, welcher eine wichtige Rolle in der französischen Revolution spielte, und mache mich auf zum Hotel in der Rue des Capucins, winde mich an schmalen Bürgersteigen an den vielen Autos entlang und singe vor mich hin: „Es tobt der Bär im Kettenhemd“. Eigenkreation! So lässt sich's aber besser ertragen.

Ich setze mich mit meinem Abendbrot auf die Sofas der Terrasse, schreibe und whatsappe in der noch wärmenden Abendsonne. Auch kläre ich mit meinem Stiefvater die Air France Problematik, da die ja meinen Flug einfach gestrichen hatten. Ich bin nun mal zuversichtlich, dass alles nun klappen wird. Nun, am Ende wurde sowieso alles anders als gedacht, Ja ja :-)

Die Sachen sind gepackt, morgen geht es früh los. 

 

18.9.20

Le Puy-en-Velay nach Montbonnet

20 km

Um 6 Uhr morgens klingelt der Wecker, oh oh! Nun denn, ich habe mich für die Messe entschieden, also auf auf, ultreia :-)

Ich packe meine Sachen und mache mich in der Dunkelheit auf den Weg die Treppen hoch. Es ist recht mild. Der Blick von oben auf die beleuchtete Stadt ist wunderbar. Die große Tür ist verschlossen, das wusste ich im Vorfeld aber schon, suchte dann aber doch eine Weile nach dem Nebeneingang. Diese Tür wird erst am Ende der Messe geöffnet. 

Einige Menschen sitzen schon auf den Holzbänken, es ist ganz still. Die Maria und das große gläserne Kreuz sind beleuchtet, die Kerzen brennen. Eine schöne Atmosphäre. Drüben kann ich Ivette in sich versunken erkennen. Viele Pilger, aber auch Einheimische sind zugegen. Es ist ein katholischer Gottesdienst, heißt, viel beten, aufstehen, hinsetzen und so weiter. Einiges ist mir bekannt, aber die französischen Texte kenne ich natürlich nicht. Es werden gregorianische Gesänge gesungen, welche ich gut kenne. Der Priester ist ein moppeliger, der in seinem weiß-roten Gewand sehr schick aussieht. Nach der eigentlichen Messe kommt der Teil für die Pilger. Er fragt ob Menschen aus anderen Ländern da wären. Ich melde mich als die einzige Deutsche, ein Schweizer und eine Brasilianerin melden sich, der Rest sind Franzosen. Nun so wird es wohl auch im weiteren Verlauf meiner Pilgertour sein, nehme ich mal an.

Wir bekommen einige Geschenke, einen Rosenkranz aus weißem Plastik und das dazugehörige Rosenkranzgebet. Im Verlauf der Pilgertour sollte ich einige von diesen Rosenkränzen an Kreuzen, Gedenkorten und Kirchen wiedersehen. Es gibt ein kleines Heft mit dem Johannesevangelium, ich bekomme es auf Deutsch, eine Brosche für den Rucksack oder als Kettenanhänger gedacht mit einer Jakobsmuschel drauf, schön. Und dann ziehen wir jeder zwei Gebete, die Menschen auf Zettel verfasst haben, das finde ich besonders und sehr emotional. Ich überlege mir noch, was ich damit machen werde. Feierlich wird nun das Tor, welches die Treppe zur Kirche verschließt geöffnet. Ein emotionaler Moment.

Die Pilger werden verabschiedet mit einem Ultreia! und so machen wir uns auf, gehen dem Sonnenaufgang entgegen, diese wunderbare lange Treppe runter zum Place du Plot, wo nun die Via Podiensis beginnt. Ein strahlend blauer Himmel empfängt mich und mit ihm Karl und Herma. Wir machen ne Menge Fotos und ich verabschiede mich von ihnen, werde sie aber alsbald auch wieder sehen, so Gott will. Ich gehe feierlich die Treppe runter, durch die Altstadt, rüber zur Rue des Capucins, helfe noch zwei Pilgerinnen, die nach dem Weg suchen und mache mich an den steilen Aufstieg, die Straße hoch. Noch ein Blick zurück, dann lasse ich Le-Puy hinter mir, schön war's gewesen.

Ein hölzerner Jakobus begrüßt mich oben auf dem Berg. Weiter geht es steil bergauf, Le-Puy ist außer Sicht. An einem großen Schild über die Via Podiensis von Le-Puy nach Conques mache ich Halt. Viele laufen nur nach Conques, habe ich vernommen. Irgendeiner hatte wohl mal bestimmt, dass man das so machen könnte und somit ist das hier auf diesem Schild auch so angezeigt. Es sind knapp 200 Kilometer nach Conques, welches unheimlich toll sein soll. Ich habe schon so viel tolles gesehen ich bin total geflasht und weiß gar nicht ob es tatsächlich noch tolleres geben kann. Nun denn. 

Mir fällt schon ziemlich früh auf, dass die Via Podiensis zwar gut ausgeschildert ist, aber nicht so gut wie die Gebennensis, das wundert mich. Die Schilder sind im größeren Abstand angebracht, so dass man manchmal ratlos in der Gegend rumsteht. Na und gleich darauf biege ich auch falsch ab, bemerke es aber doch sehr schnell. Es sind doch einige Pilger unterwegs, das finde ich etwas befremdlich, das habe ich so noch so gar nicht auf meinem Weg von Lüneburg nach Le-Puy erlebt. Nun ich werde mich wohl dran gewöhnen müssen, man hatte es mir auch schon gesagt. Nun denn, isso.

Heute geht es 650 Höhenmeter hoch auf 1100 m Höhe. Wir befinden uns nun auf einem Vulkanplateau. Millionen Jahre zuvor, als die Vulkane noch aktiv waren, wurden tiefe Schluchten in das Land gerissen. Die einzelnen Lavaströme griffen ineinander und schufen eine Basaltdecke von enormer Stärke. Es wartet nun also weiterhin ein steiniges Land mit viel auf und ab auf mich. Nun gut packen wir's an. 

Ein weiteres Schild besagt dass wir uns im Valée du Dolaizon (Tal des Dolaizon) befinden. Die Lanschaft zeigt sich mittlerweile mit grauem porösen Gestein und mit tiefen Schluchten, in denen sich meistens Flüsse befinden, so wie hier der Dolaizon, welcher ein Nebenfluss der Borne ist, welcher wiederum in die Loire fließt. Nun am Ende fließen alle ins Meer, die Loire in den Atlantik. Schön! Kurz vor dem Ort La Roche gibt es eine tolle aus Vulkangestein gezimmerte Schutzhütte. Diese wurden damals von den Schäfern zum Schutz vor Unwettern benutzt. Heute können sie auch Pilgern Schutz gewähren. Ich sollte im Verlauf meiner Tour noch regen Gebrauch von ihnen machen. 

Durch den Ort La Roche, welches nett am Abhang liegt, geht es hindurch und dann einen schmalen rotsandigen Pfad umringt von beigefarbenen hohen Gras auf der Anhöhe des Steilhangs, entlang.  Es gibt grandiose Aussichten ins Tal und die umliegenden Berge, toll sieht das aus. 

Ich staune immer wieder über die unterschiedlichen Landschaften in so relativ kurzer Zeit. Der Weg ist in seiner Schmalheit genau meiner, sowas liebe ich. Wenig später packe ich mich hinter einen Busch ins hohe Gras und mache Pause. Oh oh, es kommen einige Pilger den Weg entlang, teilweise laut schwatzend, teilweise alleine. Es geht mir ehrlich gesagt etwas auf die Nerven. Ich habe eine gute Weitsicht und warte ab, bis ich keinen Pilger mehr sehe und mache mich dann auf, ich möchte alleine sein. 

Wenig später passiere ich knorrige Eichen, einen Weg mit kleinen Steinmäuerchen, sehr urig, um dann im Ort St-Christoph-du-Dolaison herauszukommen. Dort steuere ich direkt auf den Robinet an der Mairie zu und fülle mein Wasser auf. Nun bin ich mit dem französischen Miam Miam Dodo (also wir erinnern uns: essen und schlafen) unterwegs. Der beste Reiseführer für die Via Podiensis. Hier ist auch jeder Wasserhahn mit aufgeführt, jede Schutzhütte, alles was für den Pilger wichtig ist und vor allem viele, viele Unterkünfte, toll, muss ich schon sagen. Eine Gruppe Pilger sitzt an einem Picknicktisch und unterhält sich. 

Ich gehe geradewegs zur urig aussehenden Kirche aus dem 13. Jahrhundert, welche aus verschiedenerlei Vulkangestein zusammengebaut wurde, da haben wir die dunkelgrauen, die hellgrauen, die orangenen, bis fast zu roten Steinen, beeindruckend. Hier sind auch die freihängenden Glocken zugegen, die wir ja nun häufiger zu Gesicht bekommen werden, denn sie sind hier unten im Süden mitunter sehr üblich. Ich trete ein. Sie ist wirklich sehenswert mit den ganzen bunten Steinen.

Ich halte kurz inne und mache mich dann auf, bete am Jesuskreuz mein Gebet, um wenig später vor einem weiteren zu stehen, an dem Pilger viele Steine aufgestapelt haben. Ich habe ja immer noch meine Kastanie bei mir und auch die beiden Gebete, die mir heute in die Hand gedrückt wurden. Noch ist nicht der Moment, sie dazulassen. 

Ich gehe aus dem Ort hinaus, es ist mächtig windig geworden, will sogar sagen stürmisch. Das gibt so ein Steppengefühl, die trockene Landschaft, die Wärme, der rote Sand, die hellen Gräser, Mäuerchen mit Schwarzbeersträuchern, Bäume, die aussehen, als ob sie ein schweres Leben hier haben. Irgendwie erinnert es mich an Australien. Einfach schön. Meinen Hut muss ich ordentlich befestigen, da er mir sonst um die Ohren weht. An netten eigens kreierten Vulkanstein-Skulpturen geht es weiter ins Örtchen Liac, welches verlassen daliegt.

Ein Hund sitzt auf dem Weg. Hmm, ob der ein netter ist? Das weiß man ja nicht so genau. Aber er steht auf und geht seines Weges, also Pfefferspray in der Tasche lassen. Stürmisch geht es weiter über die karge Fläche und an Linsenfeldern vorbei, hier wachsen sie also die berühmten grünen Linsen aus Le-Puy. Übrigens keine leichte Arbeit, da die Felder dazu absolut glatt und steinfrei sein müssen, was man sich bei den vielen Steinen schwierig vorstellt. Die Linsen werden kurz über dem Boden geerntet, Stein ist da nicht gut. Lecker sind sie allemal. Meine Schuhe sind mittlerweile nicht mehr blau sondern staubig rot. 

Ich brauche dringend eine Pause, aber es gibt keinen Schatten. Nun, kann man nichts machen, also ins Gras knallen und Beine von sich strecken. Die Grillen fangen langsam an zu zirpen, gegen Abend werden sie immer lauter. Ab und an hüpft mir eine über den Weg, ziemlich lebensmüde teilweise, man kann ihnen kaum auswichen, will ja auch keine tot treten. Die Pause ist kurz, es ist zu warm. Ich mache mich weiter durch den Sturm und den Staub, bis ich endlich an der kleinen Kapelle Sainte-Roch ankomme. Süß sieht sie aus, freihängende Glocken und viele bunte Steine. Ich trete ein, eine Musik fängt leise an zu spielen, das hat man oft in Frankreich in den Kirchen.

Ich bleibe eine Weile in der kühlen Kirche sitzen, bete und mache mich nun auf die letzten Höhenmeter nach Montbonnet, wo ich heute unterkommen werde. Ich werde begrüßt von einer ganzen Brigade Hinweisschilder, das muss ich jetzt mal fotografieren. Auf der Podiensis gibt es auch viel mehr Infrastruktur, als auf allen Wegen zuvor. Es gibt viele Hinweise auf essen und trinken, Gîtes, es gibt sogar Toilettenhäuschen auf dem Weg, den Miam Miam Dodo, alles well organized. Ich bin noch etwas früh und muss noch 30 Minuten warten, um in die Unterkunft zu kommen, setze mich neben die Schilder und esse Brets. Die Häuser hier sehen toll aus mit den vielen bunten Vulkansteinen, meine Unterkunft steht dem auch in nichts nach. 

Tolles Haus, kleines Wiesengrundstück mit Liegestuhl und Tisch, Wäscheleine und eine englischsprechende Herbergsmutter, die mir auch sogleich alles erklärt, dass ich den Rucksack unten lassen muss, meine Sachen, die ich brauche in den Korb packen soll als Schutz vor den „Punaises“, den Bettwanzen, die auf der Podiensis und auch im weiteren Verlauf in Spanien mitunter ein Problem sind. So so. Auf der Gebennensis war davon überhaupt nicht die Rede. Nun es ändert sich also einiges. Ich sortiere mich zurecht und begebe mich in ein Dreibettzimmer. Nachher soll noch eine Französin kommen, mehr kommen hier nicht rein wegen Corona. Auch kommt noch eine zusammenhängende Wandertruppe mit fünf Leuten, die kommen nebenan unter. Nach der Dusche wasche ich noch ein paar Klamotten, die werden ja auf der Leine schnell trocken, packe mich in den Liegestuhl und trinke einen Kaffee. Noch bin ich ganz alleine und genieße die Ruhe. Es gibt einen großen urigen Aufenthaltsraum. Überall, auch innen, bestehen die Wände aus den Steinen, die nicht überputzt sind sondern einfach so belassen wurden. Es war ein ehemaliger Hof gewesen, erzählt mir Marie-Annick, die auch schon mal in Santiago war und gern, wenn die Saison beendet ist, das wird bei ihr jetzt im Oktober sein, pilgern gehen möchte. Sie befragt mich über die Via Gebennensis, ob die im Oktober gut zu bewandern sei und wie es mit Unterkünften so aussieht. Ich mache noch ein paar weitere Unterkünfte telefonisch klar und freue mich, dass das mit dem französisch gut klappt und auch mit dem Buchen der Unterkünfte, denn ich habe nur noch bis La Clauze vorgebucht, danach muss ich schauen, wie es weitergeht. 

Ich gehe noch in den Ort hinein, in einer Brasserie sitzen eine Horde Pilger draußen auf Bänken und unterhalten sich lauthals. Ich hole mir einfach nur ein leckeres Eis am Stiel und gehe eisessend durch den Ort. 

Gegen frühen Abend taucht Florence auf, meine Zimmernachbarin. Sie ist in Le-Puy gestartet und möchte auch nach Cahors, spricht nur französisch und spanisch. Nicht ganz leicht für mich, aber wir verstehen uns gut, sie ist in meinem Alter und sie hat viel Geduld mit mir und meinem Französisch. So kommen wir gut ins Gespräch und ich fühle mich richtig klasse mit meinem Reden, geht doch gut. Später, als die Truppe kam wurde es etwas schwieriger, denn sie reden alle sehr schnell und können auch nur französisch, sind aber alle sehr nett. Sie wollen nach Conques. Wir essen alle zusammen. Es gibt eine Zucchinisuppe, danach tolle Lasagne und später noch Fromage und natürlich Vin. Schön wenn man so bekocht wird. Wir sitzen noch eine Weile zusammen, machen uns dann aber alle auf in unsere Zimmer. Florence und ich quatschen noch ein bissel. Sie möchte morgen auch nach Monistrol d'Allier, da wartet einiges an Schluchten und Bergen auf uns. Ich bin gespannt und freue mich total. Leider soll das Wetter schlechter werden, nun mal sehen. Dann mal bonne nuit in unserer urigen Vulkanstein-Bude :-)

19.9.20 

Montbonnet nach Monistrol-d'Allier

17 km

Hmm, das Wetter ist bescheiden schön, es regnet. Nun, das hatte ich bisher noch gar nicht gehabt, doof. Okay, wir machen uns einer nach dem anderen auf, frühstücken mehr oder weniger gemeinsam. Die Truppe macht sich als erste auf, werden nach Le-Puy gefahren und fangen dann von dort aus an. Sie hatten in Le-Puy keinen Platz wegen des Festivals bekommen und mussten deshalb hier unterkommen. Florence bricht dann als nächste auf, ich warte noch eine Weile, bis es sich mit dem Regen beruhigt und mache mich dann auch auf dem Weg, um kurze Zeit später im strömenden Regen zu stehen und in die benachbarte Gîte zu springen. Da sitzt gerade eine Horde am Tisch beim frühstücken, sie bitten mich hinein und ich bekomme noch einen Kaffee. Das ist sehr nett, aber trotzdem ein doofer Anfang. Wenig später mache ich mich dann im Pieselregen auf den Weg. Okay, nun ist Regenhose und Cape angesagt, was soll's, kann man nichts machen. Es geht weiter bergauf, bis ich die 1200 m erreicht habe, dann geht’s runter und zwar steil nach Le Chier und direkt für mich ins vorhandene Klo hinein, was gerade zur rechten Zeit kommt. Der Regen hat aufgehört, dicke Wolken türmen sich am Himmel zu einer grauen Masse auf, die Landschaft ist einfach atemberaubend schön. 

Weiter geht’s bergab zu einer Mühle namens Pique Meule und dem vorhandenen Bach, der überquert werden muss. Hier treffe ich auf Florence und wir gehen nach einem lebensbejahenden, farbenfrohen Rucksack-Foto gemeinsam weiter Richtung Saint-Privat-d'Allier.  Dort angekommen biegen wir links zur Eglise St-Privat ab. Die Aussicht auf die steilen Berge und die tiefe Schlucht ist schon beeindruckend. 

Die Kirche befindet sich auf einem Felsplateau, welches steil in ein Tal abfällt. Florence ist schon weitergegangen, ich setze mich hinein und gehe in mich. Ruhig ist es hier. Sie ist schlicht gehalten, hat aber schöne Fenster. Die Aussicht in die buntbelaubten Berge vom Plateau ist wirklich wunderbar, leider umgeben von Pieselregen, was nun nicht so der Hit ist. Nun denn, ich hatte bisher sehr viel Glück mit dem Wetter gehabt, dann soll das nun auch okay sein. Ich gehe in den Ort hinein und hindurch, oberhalb befindet sich ein Picknicktisch. 

Das Gepiesel hält inne und ich mache mich bereit mein Mittagessen zu mir zu nehmen, als ich leider feststelle dass ich meinen Käse in Montbonnet vergessen habe, schön blöd, also muss eine Banane herhalten, ist ja auch nicht schlecht. Ich gehe, als es wieder zu pieseln anfängt, zurück in den Ort, will zur Boulangerie und suche verzweifelt meine Maske und verpasse somit die Öffnungszeit eben dieser. Toll, so eine Scheiße aber auch. Also nichts Vernünftiges zu essen, jetzt ist Mittagspause, Pech gehabt. Nicht aufregen, halt den Weg wieder hochstapfen und weitergehen, was soll's. Ich mache ein paar Doofifotos von mir, das passt im Regen immer gut, ein bissel was lustiges in dem ganzen Grau. 

Es geht einen schmalen Weg von der Straße ab, steil nach unten durch diese wunderbare und wieder völlig andere Landschaft als gestern die australische Steppe. Beeindruckend finde ich diese schnellen Wechsel. Es gibt einige Umwege, die man bei strömenden Regen doch eher nehmen sollte (Déviation en cas de forte pluie), da der Weg sonst rutschig wird. Die Wegbeschaffenheit ist mitunter wieder sehr spannend, zum Glück regnet es nicht in Strömen und so nehme ich den herkömmlichen Weg steil bergab. 

Mitten auf dem Weg befindet sich dieser Steinhaufen. Der ist es, der soll es sein, sagt mir mein Gefühl. Ich lege meine seit dem Gebennensis-Buch mitgeführte Kastanie ganz oben auf den Haufen, inklusive meiner Lebenslasten. Ich gehe in mich, ich bete und gehe erleichtert und nachdenklich weiter meines Weges im leichten Feucht von oben. Nun ich habe meine Regenkluft an, mein tolles neues Ultraleicht-Regencape bringt ordentlich Farbe ins Grau, schön ist das. 

Das Nachdenken muss ich alsbald aber wieder sein lassen, denn ich muss mich sehr auf den Weg konzentrieren: schmal, steil, steinig! Es fängt heftiger an zu regnen, als ich im Weiler Rochegude ankomme. Oben auf einem Felsvorsprung befindet sich eine kleine Kirche, die Chapelle Saint-Jacques, daneben ein Turm einer ehemaligen Burg. Im Sturmschritt schreite ich hinauf und springe in die Gott sei Dank geöffnete Kirche. Sie ist echt süß und tatsächlich warm und vor allem trocken. Man, der Regen nervt langsam. Ich lasse mich nieder, hänge mein Cape an die leicht geöffnete Tür zum Trocken. Die Kapelle ist mitten in den Fels gehauen, welches man an einem Felsbrocken im Holzboden gut erkennen kann, toll!

An dem kleinen Altar mit einem Jesuskreuz sind einige der weißen Rosenkränze aus der Pilgermesse von Le-Puy gehängt. Ein Jakobus befindet sich rechtsseitig, eine Maria links und viele Jakobsmuscheln sind niedergelegt. Ein wundervolles Kirchenfester mit einem Pilger, Muschel und einer Friedenstaube springt sofort ins Auge. Schön ist es hier. Ich mache hier Pause und esse die Reste, die ich noch habe. Carambar muss herhalten, hilft bei schlechter Regen-Laune als Nervennahrung, mmh lecker! Ich verweile so lange, bis der Regen aufhört, was er dann auch Gott sei Dank tut. Wirklich kalt ist es nicht, kann ich nicht sagen, aber halt feucht. Nun denn, weiter geht’s. Die Aussicht in die Schlucht des Allier, so heißt der Fluss, der hier durchfließt, ist großartig. Der darauffolgende steile Abstieg nach Monistrol auf 600 m hat es in sich, ist aber superspannend, sowas liebe ich total. 

Es geht durch wundervollen Herbstwald, über Stock und Stein. Die Wolken hängen mitunter tief in den Bergen und lassen den ein oder anderen Gipfel verschwinden. Buntes Herbstlaub umgibt mich, die Farne haben eine rötliche Farbe angenommen, Äste sind mit mintgrünen Flechten bewachsen und schroffe Felsen prägen die Landschaft. Teilweise geht es über große Felsbrocken, welche übersäht mit Tannennadeln leicht rutschig sind, aber alles noch im Rahmen. Ich erreiche die Straße um kurz danach wieder einen schmalen Steinweg abzusteigen. Puh, geht ganz schön in die Beine, kann man nicht anders sagen. Ich muss eine Pause einlegen, die Kraft lässt nach. 

Wenig später taucht Monistrol, welches tief im Tal am Allier liegt, auf. Auch hat es tatsächlich hier einen Bahnhof, einer der wenigen Bergbahnhöfe, die es in Frankreich noch gibt. Die Strecke verbindet Nîmes im Norden mit Clermont-Ferrand im Süden. In großen Lettern aus Steinen, Rindenmulch und Erde steht der Name des Ortes am Bahngleis. Aha, nun weiß ich wo ich bin. 

Es geht runter zur Pont Eiffel, die im 19. Jahrhundert von eben diesem Herrn erbaut wurde, der auch den Eifelturm erbaute und die sich über den Fluss windet, vorbei an einer aus vielen Vulkansteinen gebauten Brasserie, in die wir später noch einkehren werden und hoch zur Gîte La Tsabone. 

Das Velay hat nun hier sein Ende gefunden, jetzt befinden wir uns im Margeride-Bergland, also geht es somit bergig weiter, und wie! Morgen wartet eine Herausforderung mit steilem Aufstieg auf uns. Nun denn, morgen ist morgen. Ich komme in die Gîte, Florence begrüßt mich am Tisch sitzend schon geschniegelt und gebügelt. Es sind noch eine Gruppe von drei ziemlich lautstarken Franzosen vor Ort, ein Herr, der Geoffroy heißt und alleine unterwegs ist und oben im Zimmer lerne ich Monique aus der Schweiz kennen. Sie kommt aus dem frankophonen Teil, aus der Nähe von Fribourg, wie schön. Wir reden französisch, später englisch miteinander. Wir Frauen kommen unterm Dach unter. Auch hier ist der Rucksack im Zimmer nicht erlaubt, macht sich mit dem Gewurschtel unterm Dach etwas schwer, aber geht. Ich gehe duschen, mache für Flo und mich einen Kaffee, es gibt Kekse dazu. Ich fühle mich wohl. 

Wir gehen später noch runter zur Brasserie auf ein Bier. Dort treffen wir auch alle anderen Pilger des Ortes. Es dauert, bis wir endlich zu Tisch gerufen werden. Es wird wieder ordentlich aufgetischt mit Suppe, tollem Nudelauflauf, Fromage cru (Rohmilchkäse, davon gibt es viel in Frankreich), und zum Dessert ein Schokopudding, der obligatorische Wein darf natürlich auch nicht fehlen, toll. Der Hausherr Patrick sieht aus wie ein komischer Waldschrat in seinem Schürzchen und der Shorts und erzählt einiges über den Ort, den Weg, die Gîte und was Tsabone eigentlich ist. Das ist der kleine Wagen draußen vor der Tür. Solche Wagen hatten die Hirten damals mit dabei, darin konnten sie sich bei schlechtem Wetter verkriechen und den konnten sie aber auch mit sich führen. Gute Erfindung, dachte ich noch.

Dann ging es an die Bezahlung. Florence hatte nur ihre Kreditkarte dabei. Nein das geht so gar nicht meinte Patrick. Aber sie hatte sich doch vorher erkundigt. Aber nein, die nehme er nicht. Oh man, das ging ewig hin und her bis ich das ganze beendete und zu ihr meinte, dass ich für sie bezahle, sie kann mir morgen das Geld zurückgeben. Sie nahm das Angebot an, die Stimmung war aber im Keller. Letztendlich wurde das noch ein Running Gag mit der Carte bleue, wie die Franzosen ihre Kreditkarte scheinbar nennen, warum auch immer, konnte mir keiner erklären.

Gut gesättigt geht’s ab in die Koje. Es ist noch eine andere Frau mit dazu gekommen, die wohl auf einen Zug gewartet hatte, der aber heute doch nicht fährt. Nun morgen ist auch noch ein Tag. Ein ziemliches Schnarchkonzert folgte in der Nacht. Dass Frauen so schnarchen können ist beeindruckend, hätte ich nicht für möglich gehalten. Nun, Ohrstöpsel helfen :-)

20.9.20 

Monistrol-d'Allier nach La Clauze

21 km

Es ist noch dunkel draußen und allgemeines Gewusel beherrscht die Herberge. Jeder packt seine Sachen und macht sich auf zum Süß-Frühstück. Nun, der Kaffee schmeckt gut. Trotz allem "Süß" haue ich rein, wir haben einen krassen Aufstieg vor uns und da braucht man Power. Die Wolken hängen tief im Tal, aber es regnet nicht, auch ist es von der Temperatur her angenehm. Monistrol-d'Allier liegt auf 585 m. Es geht heute auf 1100 m hoch, gut zu machen, ist aber steil. Ich statte der Boulangerie einen Besuch ab, einkaufen ist dringend vonnöten. Happy geht es auch gleich steil auf einem mit kantigen Lavabrocken versehenen schmalen Pfad nach oben zu einer in den porösen Fels gehauenen kleinen Kapelle. 

Die Pilger haben sich verteilt und ich treffe oben auf Florence, das ist schön. Die Kapelle St. Madeleine ist versperrt, man kann aber hineinschauen. Schon urig so mitten im Felsengestein, die Decke ist einfach nur ein Felsen, es gibt ein paar Bänke, einen kleinen Altar, das ist alles. Sie diente früher im 14. Jahrhundert als Unterschlupf. Die Aussicht auf das Tal des Allier und Monistrol ist einfach umwerfend, wunderschön. Eine dicke Wolke schleicht sich von links an uns ran, holt uns aber nicht ein, somit bleibt uns die Aussicht erhalten. Tolle Landschaft, ich bin mal wieder hin und weg. Die Bäume kennen scheinbar einiges an Feuchtigkeit, denn sie sind mal wieder über und über mit Flechten und Moosen bewachsen.

Es geht weiter steil hoch in den Weiler Escluzels, dieser wird durchquert und weiter geht's steil bis nach Montaure, hier hört das "Steil" endlich auf. Zählend und schnaufend bin ich hier oben angekommen, puh, Hammer anstrengend, aber bei gutem Klima und mit Pausen machbar. Ging doch irgendwie schneller als gedacht, scheinbar werde ich auch einfach fitter, ist ja nicht auszuschließen :-)

In Le Vernet habe ich ein bissel die Arschkarte, da ich inmitten einer Rinderherde gerate, die die Straße langläuft zum nächsten Weideort. Okay, dann heißt es eben langsam hinterher watscheln, ich find's toll. Sie gucken mich etwas misstrauisch an, gewöhnen sich aber dann auch an mich. Kurz darauf mache ich an einem Picknicktisch Pause, ein weißer Hund gesellt sich zu mir und schläft auf einem kleinen Felsvorsprung. Lecker Pain au chocolat, Käsebaguette und ein, zwei, drei Carambars verschwinden in meinem Magen. Die Füße werden gut gelüftet und bekommen neue Socken. Die Blase macht keine Beschwerden und heilt langsam ab, toll. 

Ich genieße es wieder alleine unterwegs zu sein. Ich brauche wirklich kein Gequatsche auf dem Weg. Abends ist es ganz schön, aber jetzt freue ich mich, dass wir uns alle verteilt haben. Die einzige ist Florence, die ich dann auch kurz vor Saugues, dem nächst größeren Ort wiedertreffe. So langsam klart der Himmel auf, der ein oder andere blue spot, wie ich die blauen Flecken am Himmel immer nenne, wird sichtbar und dann kommt kurz vor der Stadt glatt die Sonne raus und taucht alles in ein warmes Licht. Es wird damit auch wieder T-Shirtwetter, wie schön. Auf schmalen ebenen Weg, geht es an Weideflächen vorbei. Die Landwirtschaft hat jetzt hier den Weiden Platz gemacht, da der Boden sehr nährstoffarm und eben steinig ist. 

Es geht leicht den Berg runter, in der Ferne ist Saugues schon auszumachen. Um diese Stadt rangt sich eine spannende, wenngleich auch schlimme Geschichte. Zwischen 1764 und 1767 wurden wohl über 100 Kinder, Jugendliche und Frauen ermordet und arg zugerichtet aufgefunden. Die Morde wurden nie aufgeklärt und somit letztendlich der Bestie von Gévaudan (la Bête du Gévaudan) zugeschrieben. War es ein böser Wolf oder ein abgerichteter Hund oder doch ein Serientäter? Man weiß es nicht, aber ich würde mal auf den Serientäter tippen. Man blieb letztendlich bei der Bestie, die dann auch in Holz gehauen oben auf dem Berg mit grimmigen Blick dargestellt ist und auf die friedlich im Tal liegende Stadt schaut. Sowas finde ich ja wieder spannend. Auch befinden sich einige tolle Holzskulpturen auf dem Berg, die sich auch anzusehen lohnen. Florence und ich gehen gemeinsam den Berg runter in die Stadt. 

Mittlerweile strahlt die Sonne von einem mit kleinen Puffwöllkchen verzierten Himmel. Sehr präsent ist der alte Turm in der Dorfmitte, der Tour des Anglais, in dem das Heimatmuseum, das Musée du Gévaudan untergebracht ist, in dem man über die Bestie natürlich viel erfahren kann. Auf dem Vorplatz der Kirche ist schon einiges los, es ist Mittagszeit und die Menschen sitzen draußen und erfreuen sich an der Sonne. 

Ich statte der Église Saint-Médard erst mal einen Besuch ab, welche auch echt lohnenswert ist. Wenn man sich erst mal an die Dunkelheit bei Eintritt gewöhnt hat, besticht sie mit vielen Wandmalereien über Leben und Wirken des heiligen St. Bénilde, eine der spirituellen Figuren der Stadt, welcher sich sehr um bedürftige Menschen gekümmert hatte. Er ruht heute in der Kirche und wird hier sehr verehrt. Wirklich eine sehr beeindruckende Kirche mit lauter kleinen Seitenkapellchen. 

Draußen treffe ich auf Florence, die nun endlich einen Bancomaten gefunden hat. Sie gibt mir das Geld zurück und lädt mich zu einem Kaffee ein. Leider wieder nur ein Espresso, dafür aber doppelt. Schön! Aus dem Ort raus werden wir von lauter in den Boden verlegten La Bête-Steinen begleitet, alles ist auf diese Bestie ausgerichtet. An einem großen hölzernen Jakobus geht es aus dem Ort raus, ein Schild besagt dass es noch 1480 km sind bis Santiago. Na dann ultreia. Ultreia ist ein Grußwort aus dem Spanischen (vom Lateinischen „eia ultra“ = vorwärts). Dieses aufmunternde, mitmachende Wort riefen sich Pilger zu, die auf dem Jakobsweg unterwegs waren und bedeutet so viel wie „Vorwärts! Weiter!“

 

Es geht einen seichten Weg durch die wellige Berglandschaft des Margeride, große Felsen säumen ebendiesen, die Grillen zirpen, viele Schmetterlinge sind zugegen, ab und an der Ruf des Mäusebussards. Ich durchquere kleine Weiler mit schicken Steinhäusern. Ich bin happy. Flo ist vorgelaufen, wir sind wieder jeder für sich alleine unterwegs. Sie wird weiter laufen als ich heute.

Hinter mir sehe ich Geoffroy und Monique den Berg hochlaufen. Sie kommen kurz nach mir in La Clauze in der Gîte an. Die Tür ist noch verschlossen, warum auch immer, denn der Herbergsvater steht vor der Tür und unterhält sich. Als die beiden dann eintrafen wurde sich mächtig gefreut und gejubelt, laut miteinander auf französisch die Erlebnisse ausgetauscht, denn sie trafen hier auf Miriam, die sie von vorher schon kannten. Miriam kommt aus Strasbourg, ist auch Krankenschwester, pilgert in Etappen, so wie ich und ist im Begriff ihren Job an den Nagel zu hängen. Sie möchte nach Conques. Monique ist übrigens Hebamme, hat alles hingeschmissen und will nach Santiago. Ja ja, mit den Pflegeberufen ist es nicht mehr weit her, hmm!

Jedenfalls wurde mir das alles zu viel. Ein junger Mann saß etwas abseits, sprach aber auch nur französisch. Ich fühlte mich sichtlich unwohl und stopfte mir Brets rein, um meine Stimmung zu bessern. Ich war unglücklich und zwar so richtig. Mittlerweile geht mir das ziemlich auf die Nerven so im Abseits zu stehen, wenn Franzosen aufeinander treffen. 

Da ich zuvor die beiden Österreicher traf und wusste wo sie heute unterkommen, sagte ich dem Herbergsvater Bescheid und versuchte frustriert auf dem Bett sitzend ebenfalls dort unterzukommen, ich wollte hier nicht bleiben, ich wollte die 3 km zu ihnen laufen. Ich kann’s gerade nicht ertragen, aber leider ist nichts mehr frei. Ich musste mich also arrangieren. Wenig später kam Monique ins Zimmer und fragte mich was los ist mit mir, der Herbergsvater hatte es ihnen erzählt, dass ich nicht hierbleiben will. Ich erzählte ihr von meinen Nöten und sie nahm sich sehr lieb meiner an. Auch Miriam, die kurz darauf ins Zimmer kam, sprach beruhigend auf mich ein und das sogar auf deutsch, welches sie doch recht gut kann. Die beiden haben sich sehr um mich gekümmert und so ging es mir schon viel besser.

Abends dann bei einem herausragenden Essen mit Kartoffelauflauf, französischer pfeffriger Wurst, die ich so liebe, Käse aus der Auvergne und tollem Apfelkuchen kam ich gut klar, widmete mich dann aber doch meinem Handy, als der Herbergsvater viel von der Region und dem Leben hier erzählte. Schade, aber ich konnte dem nicht mehr folgen, dazu ist mein Französisch nicht gut genug. War sicher spannend, aber ich war müde dessen. Ich bemerkte, dass ich doch ganz schön in Not geraten war. Alleine unterwegs zu sein und zu übernachten ist eine Sache, komme ich gut mit klar, aber eben alleine unter vielen, das ist Hammer und macht mir schon sehr zu schaffen. Ich habe auch die Lust am französisch reden, die ich anfangs hatte, verloren, das muss ich mal eingestehen. Mir geht es teilweise echt auf den Keks. Zum Glück waren alle nun auch ruhiger und nicht so laut schnatternd, Franzosen können ganz schön laut sein, andere Mentalität eben. 

Abends saßen Monique und ich noch gemeinsam beim Tagebuch-Schreiben und Tourenausarbeiten. Es war ganz still, schön war das. Es ist schon ein Ding, dass die Leute aus den Pflegeberufen und hier gleich zwei, alles hinwerfen. Traurig ist das, aber ich kann das aus eigener Erfahrung gut verstehen

Wir schliefen zu dritt im Vierbettzimmern, nebenan die Jungs. Ich freute mich auf morgen, wieder alleine auf meinem Weg zu sein. Puh, was für eine Aufregung!

21.9.20 

La Clauze nach 

St-Alban-sur-Limagnole

24 km

Es geht durchs Milch-und Käseland und das alleine, ich genieße es sehr. Verschiedene Rinderherden mit allem drum und dran, Vater, Mutter, Kind stehen wiederkäuend auf den Weiden oder liegen im Gras und ruhen. Es ist wundervoll zu sehen, wie gut die Tiere es hier haben. Klar werden sie irgendwann gekillt, das ist der Lauf der Dinge, aber die Lebezeit ist doch eine gute, so sieht es jedenfalls aus. Das Kalb, was bei der Mutter trinkt, der Bulle der mit der Kuh näselt, alle haben ihre Hörner noch, die teilweise wirklich beeindruckend sind. Braune Kühe, beige, auch braungefleckte sind mit dabei. Sie sind Kreuzungen der Almkühe, die ich aus dem Allgäu her kenne, sind einfach robuster und können den Wetterkapriolen standhalten. Das Klima hier kann sehr rau werden und wir befinden und permanent auf Höhen von 1000 bis 1300 Metern. 

Auch die Kiefern, die zuhauf hier zugegen sind, sehen aus, als ob sie ein schweres Leben haben, klein, verkrüppelt, können aber uralt werden. Nun denn, die Größe, die Produktivität ist nun mal nicht alles. Es hat richtig geschüttet die Nacht, überall hängen die Wassertropfen und geben damit auch schöne Bilder ab. Am Wegesrand blühen die kleinen lila Glockenblumen und sind mit großen Tropfen befeuchtet, das schöne Weidenröschen blüht auch noch, auch Schafgarbe gibt es in einem satten pink, wie ich sie noch nie gesehen habe, hat mit der Bodenbeschaffenheit zu tun. Schön ist das. 

Die Aubracrinder, dazu kann man sie schon zählen, sind beeindruckend und auch hübsch. Eine Rasse hat dunkle Augenränder, sieht etwas eigenartig aus, finde ich, der Bulle mit lockigem Haupthaar wirkt sehr monströs und stark, die kleinen Kälber springen durch die Gegend, ich stehe lange an den Zäunen und beobachte sie und sie mich. Rinder sind neugierig, aber diese hier sind mitunter auch sehr scheu, so autark wie sie hier leben, das ist schon zu merken. 

Einmal muss ich auch durch sie hindurchgehen, sie stehen da einfach so im Kiefernwald, finde ich ein bissel unheimlich, aber was soll's, guten Eindruck machen, grüßen und weiter, geht doch. Ich überquere einen kleinen Bachlauf, auch recht zierliche Buchen mit kleinen Blättern sind hier zugegen und werden mich bis auf die Aubracebene begleiten. Sie sind gegen die mitunter windigen, eisigen Winter gut gewappnet. Kurz danach stehe ich wieder vor einem großen Steinhaufen, hier werde ich die beiden Zettel mit den Gebeten ablegen. Es ging um die Tochter, die Gottes Hilfe bedarf und um ein Pärchen, schön, ich lese sie mir nochmals durch und packe sie zusammen mit der Bénédiction (dem Segenszettel) zwischen die Steine, bete und gehe weiter meines Weges. 

Ab und an gibt es Frischwasserbrunnen, das finde ich wunderbar, das haben die hier echt toll gemacht. Auch schicke Klohäuschen sind zugegen. Ist sicher auch keine schlechte Idee, hier laufen ja doch mehr Pilger entlang, wenn da jeder in die Büsche geht, muss nicht sein. Stehklos, normale Klos, Plumpsklos, bis hin zu Hightech-Bio-Klos, man kennt sich aus auf dem Gebiet :-)

Im nächsten Weiler treffe ich auf eine komische Konstruktion aus Steinpfeilern und einem Holzgestell (ein Travail). Diese wurden damals verwendet, um den Hufschmied vor den Tritten der Pferde zu sichern. Der Gaul wurde dann einfach in so ein Travail eingespannt. Ich nehme mal an, dass es heute an Bedeutung verloren hat. Auch kommt mir wieder eine Horde Kühe entgegen, denen ich netterweise Platz mache. Ist mir auch lieber so :-)

Eine Dreiertruppe aus Onkel, Sohn und Tochter kommen mir hinterher und sprechen mich an. Es sind englischsprechende Franzosen, das ist großartig, wir quatschen ein bissel und machen wenig später am Höchste-Etappenpunkt-Pfeiler Fotos voneinander. Stolz stehen sie davor, als ich ihnen doch dann mitteilen musste, dass es nur der zweithöchste Punkt ist (mit 1320 m) und der höchste dann oben in der Aubracebene mit 1360 m noch kommt. Nun denn, trotz alledem gehen wir mit schönen Fotos weiter auf die nun folgende Ebene. 

Das sieht schon aubracich (eigene Wortkreation) aus: Weiden, Gräser, Steine hier und da, Rinder und inmitten dessen ein altes Steingehöft. Toll! Auf einem Findling mache ich Pause, Bänke gibt es nicht. Die Sonne versucht rauszukommen, scheitert aber an den vielen Wolken. Aber es ist warm genug, gutes Wanderwetter. Ich verspeise mein restliches Baguette. Ich muss unbedingt Käse kaufen und erhoffe mir in der Domaine du Sauvage welchen aus der Region zu bekommen. Die Domaine ist von weitem schon zu erkennen, ein Gutshof, in dem bereits im 13. Jahrhundert die Templer weilten. Heute ist es verpachtet, es gibt eine Gîte, Weiden mit Schafen und Rindern, auch Haflinger sind zugegen, zwei Fischteiche und ganz wichtig: Käse und Brot für mich. Toll!

Einzelne Heidekrautflächen lassen noch einen Hauch von lila erahnen, als die Sonne für einen Moment darauf scheint. Ich gehe in den Wald hinein, der Himmel vor mir verheißt nichts Gutes und öffnet wenig später seine Schleusen, aber sowas von. Schnell die Regenkluft angezogen und weiter geht’s. Ich weiß, dass alsbald die Chapelle Saint-Roch am Col de l'Hospitalet auftaucht, da will ich mich unterstellen. Ich stapfe im Eiltempo den Sandweg runter zur Straße, vor mir eine andere Pilgerin, die sich leider etwas verspätet ihre weiße Regenjacke anzieht. Im Sturmschritt flitze ich am "Bienvenue dans le Département de la Lozère"-Schild vorbei, aha, Haute-Loire ist hinter mir gelassen, um an der Kirche anzukommen, unter dessen Vordach sich schon einige Pilger untergestellt haben, denn sie ist zu. Das kann jetzt echt nicht wahr sein, was soll das denn? Da wird groß und breit von dieser kleinen Kapelle in den Reiseführern geredet und dann ist die zu. Also nichts mit schön Pause machen im Warmen. Ich quetsche mich zu den anderen nassen Pilgern und stehe da so.

Das erste Carambar verschwindet in meinem Magen, Nervennahrung. Hier stand wohl mal auf dem Pass ein von den Templern geründetes Hospital, welches aber nicht mehr existiert, es war ursprünglich Jakobus später aber Rochus gewidmet. Rochus von Montpellier lebte im 14. Jahrhundert,  ist ein Heiliger der katholischen Kirche, der als Schutzpatron gegen die Pest angerufen wurde. Er pflegte und heilte damals Pestkranke, erkrankte dann selbst daran und wurde von niemandem gepflegt; er betete und zog sich in eine einsame Holzhütte im Wald zurück. Dort wurde er der Legende nach von einem Engel gepflegt, und ein Hund brachte ihm so lange Brot, bis er wieder genesen war und er in die Stadt zurückgehen konnte, wo er weiterhin heilte, bis er dort die Pest besiegt hatte. Er wird immer mit einem Hund dargestellt, hebt seinen Rock bis übers Knie, was auch leicht obszön aussieht, damit man die Narbe der Pest dort sehen kann. Daran ist er immer gut zu erkennen und wird in Frankreich sehr verehrt. 

Wie dem auch sei, der ein oder andere Pilger geht im Regen seiner Wege, ich und die junge Belgierin im weißen Anorak verbleiben noch und essen. Sie schenkt mir noch eine Feige, was ich sehr nett finde. Wir unterhalten uns auf englisch. Sie ist mit Zelt unterwegs auf dem Weg nach Santiago, man das finde ich ja mutig. Ich sah sie nie wieder.

Das Wasser des  angrenzenden Brunnens mit der großen Jakobsmuschel soll wohl Augenleiden heilen. Nun, ich glaube da bin ich mit 51 drüber hinweg, ohne Lesebrille geht leider nichts mehr. Nun denn. 

Der Regen hört auf und ich mache mich wieder auf den Weg, sogar die Sonne schaffte es ab und an durch die Wolken zu luken. Ein Schild vor mir besagt, dass ich jetzt nach einigen Hundert Kilometern eine neue Region erreicht habe: Occitanie, hört sich toll an. Auvergne Rhône-Alpes war gestern, jetzt werde ich weiterhin, ich glaube bis zum Ende, in Occitanie bleiben, bin mir aber nicht ganz sicher. Ich höre meinen Namen rufen, Karl und Herma, die beiden Österreicher kommen mit einem Martin ums Eck und begrüßen mich lautstark. Was für eine Freude. Wir fallen uns um die Arme und freuen uns uns wiederzusehen. Sie wollen in St.-Alban unterkommen, ich eigentlich in Le Rouget, entscheide mich aber kurzerhand anders, sage ab und laufe dann eben die vier Kilometer länger und komme im gleichen Hotel unter wie die beiden.

Martin ist ein Deutscher auf den Weg nach Santiago und wohnt später in irgendeiner Gîte im Ort. Wir gehen quatschend eine Weile zusammen. Ich erinnere mich wie ich mich aufgeregt habe, dass die immer alle labern müssen, ob die Pilger nicht mal die Klappe halten können und nun bin ich selber nicht besser :-) Sie legen ein ordentliches Tempo vor, welches ich nicht mithalten kann. So laufen sie vorneweg und wir treffen uns später. Leider lande ich dann im strömenden Regen, es nervt echt. 

Im Sturmschritt laufe ich den Berg runter nach Le Rouget und stapfe schnaubend die Straße nach St-Alban-sur-Limagnole runter, und kurzerhand ins Hotel. Es ist ein kleines Hotel mit nettem Restaurant, mein Zimmer mit zwei Betten ausgestattet, Dusche einen Stock höher. Schön! Die Klamotten trocken im Heizraum, die Schuhe mit Journeaux (Zeitungen) ausgestopft. Das sollte zum Trocken reichen, Die Chauffage (Heizung) funktioniert gut. Ja ja, das Thema Chauffage sollte noch ein sehr spezielles und wichtiges werden, denn nicht funktionierende Heizungen können enormen Frust verursachen, aber dazu später. Diese hier ist prima. Ich sitze auf dem Bett, esse was und ruhe mich aus, war schon ein ganz schöner Marsch heute. 

Ich gehe noch in die hiesige Kirche St.-Alban, die beim Reingehen so dunkel ist, das ich erst mal stehenbleiben und mich sammeln muss, aber dann gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Sie hat schöne Glasfenster und draußen natürlich die obligatorischen Glockenarkaden (clocher-mur). Ich setze mich hin und bete. Was für ein Tag. Es ist schon spannend, wenn man morgens losgeht und so gar nicht genau weiß was einem widerfahren wird und es am Ende doch ganz anders kommt als gedacht, aber gut, und das ist ja die Hauptsache. Schön!

St-Alban liegt am Flüsschen Limagnole und geht auf eine alte Burg zurück, die heute ein Schloss ist und tatsächlich zu einem großen Teil aus einer Psychiatrie mit 600 Patienten besteht. Beeindruckend hier mitten so in der Pampa finde ich. Der Name stammt vom heiligen Alban von England, der zur Zeit der römischen Christenverfolgung einem christlichen Priester Zuflucht gewährte und deswegen geköpft wurde, auch nicht nett.

Abends sitzen wir gemeinsam am Tisch, das ist wunderbar. Das 4-Gänge-Menu ist herausragend, Bier und Wein ebenfalls und endlich wieder deutsch zu reden ist schön. Herma und Karl erzählen mir davon, dass es in Le Rouget, wo ich eigentlich unterkommen wollte, auch für andere Pilger eine Überdachung mit Tisch, Stühlen und Getränken gab. Dort war mein Name angeschlagen gewesen, dass ich wüsste wo ich hin muss. Oh man, ein schlechtes Gewissen machte sich breit. Ich hatte sie zwar angerufen, aber nur auf den AB gesprochen, sie also nicht persönlich erreicht. Nun warten sie auf mich und ich komme nicht. Ist mir schon peinlich und ich versuche mir gut zuzureden, dass das jetzt okay so ist, hmm!

Morgen soll das Wetter leider nicht so der Hit werden, heißt: so richtig Blöd! Merde! Zut! Shittenkram! Quel dommage! Ach da fällt mir vieles zu ein, nun denn, was soll's. Noch genießen wir den Abend und ich eine ruhige, warme Nacht in meinem Bettchen. Morgen ist morgen und die Hoffnung stirbt zuletzt, vielleicht wird es ja doch besser als gedacht, war doch in der Schweiz auch so gewesen am Genfer See, nun we will see, Überraschung!!!

22.9.20

St-Alban-sur-Limagnole 

nach Aumont-Aubrac

18 km

Nach nächtlichem Starkregen ist es morgens, ich sage mal, feucht, aber okay. Die Wolken hängen weiterhin tief und die Wettervorhersage verheißt leider immer noch nichts Gutes. Zum Glück ist der Weg dank meines längeren Walks gestern kürzer. Wir treffen uns zu einem reichhaltigen Frühstück, das ist doch mal was. Ich packe meine Sachen, gehe nochmals rüber zur Kirche. Ich bin einfach so dankbar, dass ich die Beiden getroffen habe, nach der Session in La Clauze. Erleichterten Herzens geht’s in die Boulangerie, Baguette muss her. Ich schultere meinen Rucksack, die beiden sind schon los, ich kann eh nicht Schritt halten und brauche das beim Pilgern auch nicht. Ich denke wir sehen uns vielleicht in Aumont Aubrac nochmal, bevor sie dann übermorgen die Heimreise antreten. Nächstes Jahr soll es dann weitergehen. Okay, ich gehe los, werde sogleich von einem Herrn angesprochen der sich mit mir auf französisch-englisch übers Pilgern austauscht. Auf dem Weg aus St-Alban komme ich an einen großen Spar vorbei, super, jetzt wird nochmal so richtig geshoppt, das muss ausgenutzt werden.

Es geht bergig weiter und in den Weiler Grazières-Mages hinein. Dort geht es über den Fluss Limagnole,  welcher später in den Truyère fließt, den ich auch noch nachher überqueren werde. Die Häuser sehen verwegen aus mit ihren grauen Schieferdächern, als ob sie vielleicht doch nicht ganz wasserdicht wären. Nun, ich weiß es nicht. Über abenteuerlichen steilen Wurzelwegen geht es bergauf, an spannenden knorrigen Bäumen mit Flechten bewachsenen Ästen vorbei. Vereinzelnd große Gesteinsbrocken säumen den Weg, Ginster wächst mitten auf den Weideflächen und dicke Wolken türmen sich über mir auf. 

Auf einem anspruchsvollen Weg geht es nun über die Ebene an Weideflächen und tatsächlich stattlichen Kiefern und übersichtlichen Flaumeichen vorbei. Der nächtliche Regen bringt auch schönes zu Tage, die Wassertropfen hängen groß und prall an den Zweigen und Beeren, das muss echt geschüttet haben letzte Nacht.

Ich bin gutes Mutes und gut drauf. Ab und an werde ich von schwatzenden Pilgern überholt. Ich warte einfach ab, bis ich wieder alleine bin und gehe dann meiner Wege. Ein Goldfasan springt verschreckt aus dem Dickicht und macht sich ziemlich ungalant auf und davon, toll sieht er aus. Auch ein paar Rebhühner fliegen unbeholfen meckernd davon. Ich muss dringend mal pieschern und bin k.o. von der Kraxelei und bitte mal wieder das Universum um Hilfe; „Bitte eine Banc oder irgendwas zum Pause machen“. Und? Was sehe ich da? Erst bin ich noch skeptisch, was das Universum für mich da bereithält: Eine aus Ästen gezimmerte Hütte lädt mich ein, dort zu verweilen. 

Das ist ja urig, wird bei Regen nicht ganz so dicht sein, aber besser als gar nichts. Ein kleiner Baumstamm ist zur Bank umfunktioniert und ich esse genüsslich mein Pain au chocolat und meine Brets, diesmal nicht Vinaigre, sondern Fromage du Jura, toll. Ja gesund ist anders, aber was soll's. Ich sehe durch die Äste die vorbeiziehenden Pilger, aber sie sehen mich nicht, finde ich gut. Ums Eck gehe ich dann noch pieschern, dann heißt es Rucksack aufsetzen und weiter. Ein äußerst abenteuerlicher von Wurzeln der Kiefern durchsetzter, steiniger, steiler Weg führt nun wieder nach unten, nach Estrets

Das ist mal wieder was für die liebe Maika, klasse. Bin aber doch froh gut unten angekommen zu sein. Bei Starkregen ist das hier sicher weniger erheiternd, denn es sieht aus, als ob dann ein Fluss entsteht, durch den man dann durchwaten kann. Nun, momentan ist alles gut. Ich komme in Estrets direkt an der kleinen süßen Kirche an mit, na klar, freihängenden Glocken. Dazu gibt es aber noch ein Treppchen, welches man zu den Glocken hochgehen kann, aber nicht darf. Nun, ich schaue mich um, das finde ich einfach zu spannend, und gehe die Treppen hoch und stehe neben den Glocken, toll ist das und einen tollen Blick ins Tal hat man auch noch. Leider habe ich auch einen tollen Blick auf die ziemlich dunkle Wolke, die auf mich zukommt, hmm! 

Über die schiefergedeckten Dächer reicht der Blick weit über die bergige Landschaft. Ein kleiner Friedhof grenzt der Kirche an, die leider selbst verschlossen ist. Es fängt an zu tröpfeln. Och nee, muss nicht sein. Passend dazu sehe ich eine dieser Schutzhütten, in welche ich mich auch gleich verkrieche, als ich unten im Dorf angekommen bin.

Nun, besser gesagt, handelt es ich hier um ein altes Dorf-Backhaus, was unschwer am verrußten Ofen zu erkennen ist. Ob hier noch gebacken wird? Es stehen tatsächlich noch Pizza-oder Brotschaufeln in der Ecke. Ich setze mich auf einen vorhandenen Stuhl und schaue wenig später in die Strippen, die vom Himmel fallen, es regnet heftig. Im strömenden Regen wandert eine Truppe Pilger an mir vorbei. Na macht mal, ich bleibe hier sitzen, mit mir nicht. Ich warte jetzt den großen dunkelblauen Fleck auf meinem Handy-Wetterradar ab, habe ja Zeit.

Als es aufhörte machte ich mich auf den Weg, um wenig später doch wieder im strömenden Regen zu landen. Na toll, hätte ich mir ja auch alles sparen können. Okay, hilft ja alles nichts, weiter geht’s. Aber bis dahin begleitet mich eine schöne, wellige Landschaft und auch eine ältere Französin, die mir entgegen kam, nachdem der Regen aufgehört hatte. Sie sprach gut englisch und kehrte sogleich um und ging ein Stück mit mir. Sie hätte sich in den Kilometern verschätzt und somit hat sie einen Tag in St.-Alban, wollte aber heute doch noch ein bissel wandern, übermorgen trifft sie ihren Sonn mit seinem schwarzen Hund in Aubrac, aha! Sie schaut mich an: „Bist du Maika?“ „Hä? Ja die bin ich.“ Ja sie hätte ein Foto von mir gesehen, Florence hatte es ihr gezeigt und gemeint ich wäre eine ganz nette. Aber wo war ich denn in Le Rouget, da kam sie nämlich auch unter und da haben sie auf mich gewartet. Oh Gott was ist denn hier los? Um Ausreden verlegen erzählte ich ihr eine hoffentlich glaubwürdige Geschichte. Sie meinte: „Oh es war so nett mit Lagerfeuer und so“. Na toll, wieder macht sich ein schlechtes Gewissen breit, dass ich da abgesagt hatte und weitergelaufen bin. Es verfolgt mich echt. Nun, die Dame bleibt nach einer Weile stehen, verabschiedet sich wieder von mir und kehrt zurück nach St.-Alban. Ich gehe mit Doofgefühl im Bauch weiter. Ach Maika, du kannst es jetzt auch nicht mehr ändern, es ist wie es ist. Aber dass man mich hier mittlerweile kennt finde ich etwas befremdlich, jedenfalls mit diesem Aspekt. Ansonsten laufen sich ja doch immer dieselben Leute über den Weg. Ich gehe weiter durch die schöne Landschaft, als es wieder anfing zu schütten, diesmal reichlich, und es hörte auch nicht mehr auf. 

Mit Überquerung des Truyère bei Les Estrets komme ich in den Parc naturel regional de l'Aubrac, also das Aubrac-Hochland. Da freue ich mich auch besonders und würde mir doch schöneres Wetter wünschen. Es ist eine gewellte Basalt-und Granit-Hochfläche zwischen den Flüssen Truyère und dem Lot, welche eine dauerhafte Höhe von über 1000 m aufweist. Das Klima sei hier oft sehr rau und das Land im Winter unter einer dichten Schneedecke verborgen. Es gibt nur Viehwirtschaft, also die Aubracrinder. Sie sind sehr widerstandsfähig und geben bestes Fleisch, was in guten Restaurants bis nach Paris verkauft wird. Auf dieser Höhe bleiben sie oft nicht das ganze Jahr über, sie werden im Mai hochgetrieben und Mitte Oktober wieder hinunter. Oh Gott immer draußen und das bei dem Wetter, nee, das wäre nichts für mich. Die Region ist extrem dünn besiedelt. Wie mein Reiseführer sagt ist Brandenburg dagegen überbevölkert und das soll schon was heißen. Ich liebe ja Brandenburg, weil da eben so wenig Menschen wohnen, tolle und viele Seen hat, aber ich komme vom Thema ab, weiter geht’s:

Im strömenden Regen laufe ich im Sturmschritt Aumont-Aubrac entgegen, um wenig später auf einem kleinen Trampelpfad im Matsch zu versinken. Fluchend komme ich in den Ort und laufe zielstrebig auf die Gîte Chemin Faisant zu. Die Tür ist Gott sei Dank offen und ich befinde mich in einem engen Flur. Einige nasse Regenklamotten hängen an den Haken, die nassen Schuhe werden mit Journaux ausgestopft. Ich stehe da und bin echt genervt. Ich entledige mich meiner Regensachen, soll dann meinen Rucksack noch in einem Mini-Vorraum lassen und meine Sachen dann in einem Korb mit nach oben nehmen. Nach mir kommen noch zwei Pilger, es wird eng. Man soll Annie anrufen, wenn man ankommt. Mit einigen Sprachproblemen verweist sie mich auf einen Zettel an der Wand wo draufsteht in welchem Zimmer ich unterkomme, sie kommt erst gegen 18 Uhr vorbei. Okay ich entdecke mich im 2. Stock und liege im 2-Bettzimmer mit Florence, das ist ja toll.

Ich stapfe nach oben. Sie liegt schon entspannt auf dem Bett, wir freuen uns uns wiederzusehen. Okay, nun heißt es sortieren, duschen, zusehen, dass die Klamotten wieder trocken werden. So über einen Haken gehängt wird das nichts. Somit nehme ich alles mit nach oben, ist mir egal, ob das jetzt erlaubt ist oder nicht. Oben gibt es einen Wäscheständer, das ist super. Irgendwann bin ich dann doch wiederhergestellt. Draußen schüttet es immer noch.

Wir gehen in den Aufenthaltsraum und ich mache einen Kaffee für uns beide, ich selber habe Kohldampf und mache mir Käsebrote. Für mich ist nun auch telefonieren angesagt, die nächsten Unterkünfte klarmachen. Ich bekomme einen Anruf der Gîte in L'Estrade, wo ich mich eingebucht hatte und total glücklich war, dass ich da ein Bett bekommen habe, da die Gegend kaum Unterkünfte bereithält. Sie teilt mir eine Absage mit, da eine Gruppe kommt, das ist scheinbar lukrativer. Ich könnte brechen. Sie redet viel, das ist mir zu viel. Sie meint, sie hätte einen Monsieur da, der Schotte ist und mir das alles erklären könnte, was er dann auch tat. Sie bietet mir an trotzdem zu kommen, sie würde mich dann in den nächsten Ort fahren, wenn ich da eine Unterkunft habe. ich meinte, ich muss jetzt nachdenken und melde mich wieder. Was soll das denn? Die Retourkutsche für meine Absage in Le Rouget? Nun, was bleibt? Ich überlege hin und her und schmeiße meine gesamte vorher abgecheckte Tour um, sage einiges ab und mache alles jetzt anders. Viele Telefonate später entspannte ich mich wieder, das hat Nerven gekostet. Ich werde einfach einen Waschtag einlegen, denn so langsam ist das bitter notwendig. Es kommt eben oft anders als man denkt. 

Florence und ich beschließen abends ins gegenüberliegende Hotelrestaurant zu gehen und Aligot zu essen, das Nationalgericht des Aubrac, Kartoffelpüree mit viel, viel Käse. Florence macht alles klar. Aber auch hier wurde es alles anders als gedacht, da wir uns wenig später vor dem Hotel mit einer Fünfertruppe französischer Frauen trafen, die wild drauflos plapperten. Und ich dachte wir essen zu zweit, tja, falsch gedacht. Oh nee, das kann ja was werden. Ich saß in der Ecke am Tisch und fühlte mich sichtlich unwohl. Okay vielleicht erst mal ein Bier, vielleicht hilft das. Sie redeten viel und ich saß etwas verloren in der Ecke, als ich wenig später Herma und Karl zur Tür eintreten sehe. Hammer! Ich gehe rüber an deren Tisch, weiß ich doch, dass es ihr letzter Tag ist. Unschlüssig stehe ich da und hoffe, dass sie mich mit zu sich an den Tisch bitten würden. Als dann noch Martin, der andere Deutsche, ums Eck kam arrangierten wir alles und saßen dann deutsch schwatzend zu viert am Tisch, der Abend war gerettet.

Es gab lecker französisch pfeffrige Wurst mit klebrigen, aber leckeren Aligot und eine Menge Wein. Zum Abschluss musste noch ein Crème brulée herhalten, lecker! Was für ein toller Ausgang des Abends. Die Französinnen und auch Flo nahmen es mir nicht krumm, verstanden doch, dass es für mich sonst doof wäre. Ich verabschiedete mich von Herma und Karl und wünschte ihnen eine schöne Heimreise. Martin sollte ich auch nicht mehr wiedersehen, der wandert auch einfach schneller und wahrscheinlich auch weiter, was weiß ich. Des Nächtens mussten meine Ohrstöpsel ganze Arbeit leisten. Wie eine Frau so schnarchen kann ist schon beeindruckend. 

23.9.20 

Aumont-Aubrac nach Finieyrols

18 km

Früh morgens kommt Bewegung in die Gîte, die doch recht voll geworden ist. Meine Klamotten sind alle trocken, das ist wunderbar. Ein Blick aus dem Fenster verrät: nichts! Es ist Nebel, aber man sieht die Sonne sich durchkämpfen, hoffentlich schafft sie es. Oh man, aber es scheint nicht zu regnen und heute soll es auch besser werden, sagt meine App, nun mal sehen. Florence möchte heute nach Nasbinals laufen, ich werde vorher schon in Finieyrols unterkommen. Wir sollten uns auch nicht mehr wiedersehen, bleiben aber im Whatsapp-Kontakt. Es gibt Frühstück in Etappen. Unten vor der Treppe in dem Miniraum versuchen mehrere Leute gleichzeitig ihre Rucksäcke zu bepacken. Oh nee, ich warte jetzt einfach mal, auf sowas habe ich gar keine Lust. Annie, die Herbergsmutter hatte gestern noch eine Wegvariante vorgeschlagen, die weniger Asphalt beinhalten sollte. Ich machte ein Foto von der Skizze und entschied mich eben diese zu bewandern, was sich als sehr schön erweisen sollte, denn alle anderen gingen den anderen Weg. Er ist mit gelb-roten Balken gekennzeichnet. 

Ich stopfe mir ein paar Marmeladenbrote in den Mund, mein Blick fällt auf eine an die Wand geklebte Postkarte: „J'ai décidé etre heureux, parce que c'est bon pour la santé.“ Ich entscheide mich fröhlich zu sein, weil es gut für die Gesundheit ist. Das hat Voltaire gesagt. Genau, so mach ich das, recht hat er.

Ich wurschtel mich durch die immer noch vorhandenen Leute unten bei den Rucksäcken, ziehe meine trockenen Schuhe an und stürme aus dem Miniflur. Ich bin froh auf der Straße zu sein und atme tief durch. Das sind mir definitiv zu viele Leute und das zu Coronazeiten. Was ist eigentlich wenn nicht Corona ist? Oder vielleicht haben sich die Franzosen alle gemeinsam für einen Urlaub im eigenen Land entschieden, so wie es ja die Deutschen dieses Jahr auch vorzugsweise gemacht haben. Wer weiß! Ich gehe durch den Nebel die Straße runter an einem ulraschlanken Haus vorbei aus dem Ort raus.

Auf die Kirche habe ich jetzt keine Lust mehr. Ich finde meinen gelb-roten Weg und gehe leicht bergauf. Der Nebel fängt langsam an sich zu lichten, ein paar Rinder schauen mich durch die Nebelschwaden neugierig an. Ich bin froh jetzt wieder alleine hier langzugehen. Es ist feucht, hat noch viel geregnet die Nacht, aber die Luft ist herrlich und die Temperatur okay. Zwei Pilgerinnen laufen vorneweg, das sind die einzigen, die ich bis zur Kreuzung auf den Hauptweg hier antreffe. Sie verschwinden im Nebel. 

Pilze machen sich langsam breit, ab und an sind Pilzsammler zu entdecken, die Gegend ist bekannt für ihre vielen Steinpilze. Ich sehe sie zwar nicht, aber dafür tolle mit Regentropfen behängte Altweiberspinnweben, toll sieht das aus. Alles hat mit dem Nebel sowas mystisches. Ich bete mein Gebet vor einem Wegkreuz und ziehe weiter. Ah, ich mache den ersten Pilz aus, nun ein Steinpilz ist es nicht, aber schön ist er trotzdem. Und da, ein Riesenparasol, geht doch. 

Die Sonne besiegt den Nebel und ein strahlend blauer Himmel kommt hervor, das macht jetzt mal echt glücklich. Frohgemut gehe ich einsam meinen gelb-roten Weg entlang, weiche einer Riesenpfütze aus und genieße die Landschaft mit ihren knorrigen Kiefern. Ab und zu ein roter Farbtupfer, die Ebereschen sind voll mit Beeren, toll sieht das aus. Ich komme wieder auf den GR 65, den eigentlichen Jakobsweg, von links kommen auch gleich zwei schwatzende Pilger angelaufen. Ich warte ab, sage „Bonjour“ und lasse sie vorbeigehen. 

Ein schmaler Weg windet sich zwischen Zäunen über die mit Gräsern bewachsene Hochebene. Der Blick schweift in die Ferne, ich liebe diese Landschaft, wie wunderschön. Hie und da schauen einen großartige Aubracrinder an, sie haben wirklich mächtige Hörner. Für mich ist es gerade hier das Paradies. Ich liebe diese unendlichen Weiten. Der Himmel ist jetzt mit kleinen Wölkchen ausgestattet, meine Füße machen gut mit, mein Rucksack fühlt sich leicht an und ich komme vor lauter Staunen kaum vorwärts. 

Hinten in weiter Entfernung ist ein kleines Steinhaus auszumachen, tja ist wirklich nicht doll besiedelt hier. Ich möchte eine Pause auf der Wiese machen, gar nicht mal so einfach, da alles abgezäunt ist, sind ja eigentlich auch Weiden. Ich steige über den Zaun und mache es mir im weichen Gras außer Sichtweite irgendwelcher Pilger gemütlich und liege in der nun echt warmen Sonne. Toll, nach dem Horrorregen gestern ist das Labsal für die Seele. Ein paar Brets verschwinden in meinem Magen. Die Füße gut durchlüftet, mache ich mich mit frischen Socken und gestärkt wieder auf den Weg

Der Weg endet an einer Leiter, über die man rübersteigen muss, Kuhschutz! Eigentlich kein Thema, mit Rucksack jedoch ein bissel wackelig. Wenig später erreiche ich eine Sumpflandschaft, welche über Stegen zu bewandern ist. Das ist alles großartig und man hat sich hier viel Mühe für den Pilger gegeben. Hoch oben schreit ein Milan und zieht seine Kreise, ein warmer Wind weht mir um die Ohren. Mittlerweile zeigt sich auch Heidekraut am Wegesrand in einem zarten Rosaton, ist schon ziemlich verblüht. Vereinzelt prägen mittelgroße Steine die Landschaft, die aussehen, wie wahllos auf den Weiden verstreut, dazwischen die Rinder. Die Grillen fangen auch wieder ganz dezent an zu zirpen, Sommergefühle machen sich breit. Ich passiere einen kleinen Bachlauf, dessen Feuchtigkeit das Gras dazu veranlasst hier in quietschgrün zu sprießen. Steinmäuerchen sind über die gesamte Ebene verteilt und ich mache mir Gedanken wie viel Arbeit das alles gemacht haben muss die hier so anzulegen, Hammer!

Bevor ich Finieyrols erreiche ist es noch mal Zeit für eine Pause. Ich liege hinter einem Mäuerchen im Gras, der Wind weht mir mittlerweile ziemlich heftig um die Ohren und ist sommerlich warm, ich mache die Augen zu und bin happy. 

Eine halbe Stunde später bin ich erfrischt wieder auf dem „chemin“ und reite auch wenig später in Finieyrols ein, in der Gîte und Chambre d'hôtes (Pension) La rose d'Aubrac. Schöner Name und schöne Gîte. Es ist noch recht früh am Tage, aber ich kann meinen Platz in der tollen Gîte-Wohnung einnehmen. Ja es sieht wirklich unglaublich toll aus, sehr liebevoll eingerichtet in grau und Türkis, das Bad sieht superedel aus, sehr wohnlich. Es sollen noch drei französische Frauen kommen, die nehmen dann das eine Zimmer und ich das Bett im Durchgangszimmer. Die Hausdame ist was Corona betrifft sehr vorsichtig, somit gibt es Einweg-Bettwäsche. Die Rucksäcke bleiben wegen der Punaises unten. Nun ich mache alles wie sie mir sagt  und gehe dann erst mal duschen. Noch bin ich hier alleine, das ist schön.

Der Weg führt direkt am Haus vorbei Richtung Nasbinals über den Montgros mit 1234 m Höhe und wie der Reiseführer sagt, mit toller Aussicht auf die Aubracebene. Das glaube ich gerne und mache mich dann mit meinem Minirucksack, einer Wasserflasche, Brot und Käse auf den Weg nach oben, denn es ist nicht weit und ich habe viel Zeit. Toll ist das. Ich fühle mich, als ob ich über den Weg springen kann, so leicht fühlt sich das ohne Wanderrucksack an. So bin ich in relativ kurzer Zeit dann auch oben und Oh…

Auf dem "Roc des Loups" erwartet mich eine wundervolle Gräserlandschaft mit großen hingeworfenen Steinen, die ganz oben fast so einen Steinkreis bilden, der eine sieht wie in der Mitte durchgebrochen aus. Sie ziehen mich magisch an. Ich kann es einfach nicht lassen, muss über den Zaun rüber und mal gucken. Und was sehe ich da: Die Spirale aus Steinen gebaut. Ich sage ja mystisch. Mein Herz hüpft und ich singe das mir altbekannte Lied von Iria, das Spirallied, und gehe in langsamen Schritten die Steinspirale ab:

Ich gehe und gehe

weite die Kreise

gehe zum Ursprung und Ziel.

Ich gehe die Pfade der großen Spirale

und singe das uralte Lied.

Ich setze mich auf einen der größeren Steine, hole mein Taschenmesser raus und schneide mir Stücke von meinem Käse ab, Zeit was zu essen und das mit diesem Ambiente. Mensch ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Lange verbringe ich da oben. Der ein oder andere Pilger geht des Weges, aber je später die Stunde, desto weniger die Pilger, bis sie ganz ausbleiben, denn wer hier oben langgeht, der muss bis Nasbinals kommen und das ist noch ein gutes Stück. Ich genieße die einsame Zeit mit dem um meine Ohren wehenden Wind und fühle mich einfach unabhängig und frei, einfach Maika, einfach sein, einfach ich, keine Verpflichtung, machen was ich will und wie ich es will. Ich bin ich und Gott ist bei mir, immer und alle Zeit. Ich bin so emotional berührt, dass die Tränen fließen. Der riesige Stein neben mir ist mit hellgrünen Flechten und dunkelgrünen Moosen bewachsen, zeugt von sicher mitunter auch rauen Klima hier oben. Nun, was soll ich sagen?

Naja, morgen ist morgen und heute ist heute gell? :-)

Es ist Zeit wieder runterzugehen. Ich komme an Jesus vorbei, grüße,  und diversen roten Ebereschen, hüpfe den schmalen Weg runter zu meiner Unterkunft und werde dort im großen Aufenthaltsraum von den drei Mädels, die nun auch das Zimmer bewohnen, begrüßt. Sie sprechen sogar englisch, toll. Sie trinken Bier und ich bestelle mir auch eins und so trinken wir zusammen Bier und reden. Sie sind eine Meditationsgruppe und gehen ein paar Tage den Jakobsweg, setzen sich immer wieder zur Meditation hin und tauschen sich aus. Ich erzählte ihnen, dass oben ein magischer Platz auf sie wartet, da sollten sie unbedingt die Spirale gehen oder sich in den Steinkreis setzen. Sie hören gespannt zu. 

Um 19 Uhr wird zum Essen geläutet. Es ist noch ein französisches Ehepaar vor Ort, die in der Pension, also etwas teurer, untergekommen sind. Es ist ganz praktisch, wenn Gîte und Pension zusammen angeboten werden, dann kann man sich sicher sein, dass das Essen und auch das Frühstück was bietet, so auch hier. Das Essen war so reichhaltig, das ich aus allen Nähten zu platzen drohte. Der Herr des Hauses teilte uns mit, dass dies alles nationale Gerichte aus der Region seien. Okay dann fangen wir mal mit Gang Eins an, die Suppe aus Zucchinis, danach eine leckere Quiche mit Speck und Aligot und dazwischen noch einen Miniauflauf mit Kabeljau, Aligot, Kartoffeln. Wir waren kurz vorm Platzen, als noch ein Birnenkuchen hinterher kam. Dazu Rotwein aus der Rhône-Region. Alles wunderbar. Leider sprach alles französisch und auch meine Mädels waren des englischen nicht mehr so mächtig. Aber ich kann es auch verstehen, es ist leichter für sie. Vielleicht sollte ich doch noch etwas mehr Französisch lernen. Obwohl ich mit einzelnen Leuten gut auskomme, da wird langsamer gesprochen. Und auch Herr Macron bei seiner Ansprache im Fernsehen ist wunderbar zu verstehen, geht doch. Nun denn. Pappsatt fiel ich ins Bett, völlig geflasht von diesem unglaublich beeindruckenden und tollen Tag. Ich war echt k.o., schrieb aber noch Tagebuch und schlief sogleich auch in meiner Einmalbettwäsche ein. 

24.9.20 

Finieyrols nach Aubrac

19 km

Gestern französische Highlands, heute schottische Highlands mit entsprechendem Wetter. Ich wachte morgens auf, frisch und munter, schaute aus dem Fenster, hmm! Nun es war einfach bedeckt, vielleicht wird es nicht so schlimm wie angekündigt. Heute werde ich die höchste Ebene der Via Podiensis auf 1360 m besteigen, ich bin sehr gespannt. Wir frühstücken ein, wie gesagt, tolles und reichhaltiges Frühstück (zwei tolle Jogurts ziehe ich mir zusätzlich rein, wenn es die schon mal gibt) und machen uns dann getrennt voneinander auf den Weg. Die drei wollen in der Bude noch meditieren, ich will los. Ich verabschiede mich, schultere meinen Rucksack, ziehe aufgrund einsetzenden leichten Pieselregens, der sich aber auch gleich wieder verzieht, nun doch die Regenklamotte an und schreite wieder den Berg hoch zum Roc des Loups, diesmal weniger hüpfend, der Rucksack lässt solch Spielereien nicht zu. Aber es dauert nicht lange, dann bin ich oben. Oh, diese schottische Variante hat auch was, mystisch, schottisch mit vielen Wolken. Kalt ist es nicht wirklich, hält sich alles in Grenzen. Ein Sonnenstrahl kommt heraus und lässt das Heidekraut rötlich aufleuchten, dann verschwindet die Sonne und ward auch nicht mehr gesehen. 

In leichten Wellen geht es bergab in den Weiler Rieutort d'Aubrac, wo ich bei einsetzendem starken Regen das kleine offene Backhaus erreiche und mich unterstelle, Glück gehabt! Es gibt einen Tisch und eine Bank und tatsächlich auch ein kleines Regal mit Büchern. Na da nehme ich mir doch eins, keine Lust bei dem Mistwetter rauszugehen. Fünf Pilger laufen im strömenden Regen an mir vorbei die Straße runter. Nun, dann macht mal. Ein paar Carambars später gehe ich im leichten Regen rüber zur vorhanden Toilette, das passt gerade gut. Stehklo! Okay, dann eben Stehklo, geht alles. Ist eigentlich auch gar nicht so unpraktisch, gesetz des Falles, dass man aus der Hocke auch wieder hoch kommt. Wie ältere Menschen das machen weiß ich nicht, aber vielleicht sind sie in Frankreich auch einfach kerniger. 

Es hört auf zu regnen, ich mache mich auf den Weg Richtung Nasbinals und komme wenig später an eine dreibogige Steinbrücke über den Fluss Bès, toll schottisch sieht das aus :-) Die Fünfertruppe aus Montbonnet kommt auf mich zu, ich habe sie erst gar nicht erkannt. Nun wir begrüßen uns und der eine Herr macht ein Maika-vor-der-Brücke-im-Regen-Foto von mir. Schön! Wir überqueren eben diese, passieren das in der Mitte der Brücke befindliche Kreuz, welches mit weißen Rosenkränzen aus der Pilgermesse von Le-Puy behängt ist und wandern durch Nebelschwaden weiter durch die Highlands. Ich habe die Truppe schnell abgehängt.

Vor mir taucht ein Pilger mit Hut im Nebel auf, verschwindet in ebendiesen dann auch wieder, mystisch! Ich laufe kurz vor Nasbinals geradewegs auf eine Boucherie/Chacuterie zu, wovon es aufgrund des begehrten Aubrac-Fleisches einige gibt. Käse finde ich nicht, ich nehme eine halbe von diesen französischen Hartwürsten, die halten lange und schmecken super. Ich habe mein Vegetarier-Sein ziemlich an den Nagel gehängt hier in Frankreich. Ganz so schlecht finde ich das nicht, schmeckt ja auch. Nun gut. 

Wenig später laufe ich auf die Kirche Notre-Dame-de-la-Carce zu, welche aus großen Steinquadern aus Basalt der Region und farblich passendem Schiefer gedeckt ist, sie stammt aus dem 13. Jahrhundert. In diese gehe ich nun rein. Als Kontrast befindet sich darinnen viel Holz, zwei kleine Seitenkapellen und eine Statue des St. Roch, erkennbar am Hund zu seinen Füßen und dem gelupften Bein. Ich gehe kurz in mich, viel Zeit habe ich nicht, denn die Boulangerie macht gleich zu, ich brauche noch Baguette und solche Sachen. 

Ich treffe auf Monique, die Schweizerin aus der Nähe von Fribourg, die sich so nett um mich in La Clauze kümmerte. Wir gehen zusammen ins benachbarte Restaurant, welches sich in Windeseile sogleich auch füllt, denn es ist Mittagszeit und der Franzose schlägt sich jetzt den Bauch voll nach einem mageren Frühstück am Morgen. Kann ich verstehen. ich bestelle mir einen schönen großen Milchkaffee und sie ein Aubracrind-Steak mit Pommes. Na, da könnte ich jetzt auch reinbeißen. Ein paar der Pommes verschwinden auch in meinem Magen. Wir ulken noch rum. Ich meine, dass gaaanz oben die Sonne total scheinen wird, sie wird sehen! Nun, hmm! Es geht doch nichts über Mutmachen, gell? Wir tauschen Telefonnummern aus, denn sie bleibt heute hier. Ich verabschiede mich, als draußen der Regen, der wieder eingesetzt hatte, aufhörte und mache mich auf, auf die hohe Aubracebene. Am Ende von Nasbinals gibt es ein Hinweisschild dass die Skistation Fer à cheval offen ist. Aha, na das hört sich ja abenteuerlich an. 

Es ist im Laufe des Tages auch kälter geworden, die Kaltfront, von der mir schon berichtet wurde, ist also im Anmarsch. Nun denn, auf geht’s, den Berg hoch, nicht so gravierend, knapp 200 Höhenmeter. Wir befinden uns in Nasbinals schon auf 1180 m. Ich laufe durch einen Buchenwald, der zuerst gar nicht als so einer zu erkennen war, denn die Buchen sehen hier doch sehr anders aus. Die Blätter klein, die Stämme voll mit Moos und Flechten, scheinen ein hartes Leben hier zu haben, jedenfalls sehen sie so aus. 

Es fängt etwas an zu regnen. Ich sage in solchen momentan immer: „Buchen musst du suchen“ wegen ihren dichten Blätterdaches. Auch diese kleinen Blätter halten erstaunlich dicht, hätte ich nicht gedacht, und somit werde ich nicht großartig nass. Ein Kuhgatter, aha, jetzt geht es auf die Weiden, also wandern mit Aubracrindern. Ein bisschen mulmig ist mir schon zumute. Ich schreite tapfer bergan, die Rinder in sicherer Entfernung, der Wind weht mittlerweile stürmisch. Ich muss mein Cape ein bissl im Zaum halten, denn ich möchte nicht, dass die Rinder Angst bekommen und dann womöglich auf mich losrennen, weiß man ja nicht. Also kämpfe ich verzweifelt mit meinem sich aufblähenden Cape, in solchen Situationen ist es nicht wirklich zu gebrauchen. Egal, die Landschaft ist toll, der Blick weit. Ich sagte noch zu Monique: „Stell dir einfach vor, der Wind ist der Heilige Geist, der um dich rum weht“. Ich stelle mir das auch gerade vor. Nun, der Heilige Geist meint es ein bissel zu gut mit mir. Egal, alleine gehe ich weiter über die Wiesen an drei knorrigen Eichen und einer nicht enden wollenden Steinmauer vorbei. Leicht geht es bergauf, an einem zerfallenden Steingehöft vorbei. Noch bin ich gut drauf und mache ein paar Doofifotos. 

Irgh, nun wird’s irgendwie doof. Mitten auf dem Weg stehen diese Rinder und gucken komisch. Nun, ich weiche etwas aus, rede mit ihnen und tue so, als ob ich gar nicht da wäre. Sie schauen mich gelangweilt an und käuen wieder. Puh, geschafft, das nächste Kuhgatter, gerettet! Dicke Nebelschwaden kommen ums Eck und behindern die Sicht. So gerne ich auch alleine unterwegs bin, jetzt hätte ich gerne noch einen anderen Pilger bei mir. Wo sind denn die Pilger alle, wenn man sie mal braucht? Egal, es fängt an zu regnen, was in Kombination mit dem ziemlich wilden Heiligen Geist keine gute ist. Zum Glück warten wieder ein paar tolle Buchen auf mich, die bringen's echt. 

Weiter geht’s über die Ebene und nun wird’s echt Scheiße. Tschulje für den Ausdruck, aber anders kann ich es einfach nicht benennen. Starkregen waagerecht von rechts kommend ob des starken Sturmes, Nebelschwaden, die einen ab und an komplett einhüllen und die Sicht versperren, die Schuhe sind pitschnass. Das Regencape kannste vergessen bei dem Wind, kein Schutz weit und breit und dann komisch mich musternde Aubracrinder mit Riesenhörnen. Fiese Dinge fluchend stapfe ich weiter. Ich glaube hier haben heute einige Leute einiges zusammengeflucht. Wo bleiben denn die andern Pilger mensch? Oh, da kommt einer hinter mir ums Eck. Ich versuchte noch in einem verlassenen Häusle Unterschlupf zu bekommen, kam aber wegen Stacheldraht nicht ran, Idioten. Plötzlich taucht im Nebel eine kleine Schutzhütte mit einer riesen Pfütze davor auf, ein Typ steht davor und versucht seine Kamera zu retten. Reichlich spät würde ich mal sagen. Ich quetsche mich an ihm vorbei und hocke nun auf einem Bänkle in der Hütte. Es trieft mir von der Mütze und mir ist auch nicht wirklich warm. Brets müssen herhalten, die stopfe ich nun tonnenweise in mich rein, die machen ein bissel glücklich, heutiger Geschmack: Petits onions, schön. Der Typ verschwindet mit seiner Kamera im Sturm. Der eben hinter mir her gelaufene Typ kommt und schaut rein, er hat Shorts an. Er begrüßt mich und ich antworte mit Bonjour und wie blöd das jetzt hier ist mit dem Wetter. Er meint doch glatt, dass es doch wunderbar wäre, dass das doch alles zum Pilgern dazu gehört, that's life! und lächelt mich an. Na der hat Nerven, welche Drogen hat der denn genommen? Vielleicht sollte man für solche Fälle immer einen Korn dabeihaben. Nun ich habe Brets und begnüge mich damit. Er geht frohgemut weiter in seinen Shorts durch die Kaltfront und den peitschenden, strömenden Regen. Morgen soll es hier schneien, irgh!

Ich packe die restlichen Chips in den Rucksack. Was soll ich jetzt hier hocken, macht keinen Sinn und zu allem Überfluss fange ich an zu frieren. Also steige ich umständlich über die Pfütze, was eigentlich auch jetzt egal wäre, da eh alles nass ist. Wutentbrannt kämpfe ich mich weiter voran, der Heilige Geist kommt jetzt stürmisch und nass von vorne, das auch noch, grr!

An der höchsten Stelle der Via Podiensis bin ich wohl vorbei gestürmt, denn es geht leicht bergab und ein Schild habe ich nicht gesehen bei der Regenwäsche im Gesicht. Ich komme an eine Straße und darf daraufhin noch einen matschigen schmalen Weg weiter gehen. Plötzlich wie aus dem nichts taucht der Kirchturm und der „Tour des Anglais“ von Aubrac auf. Nicht mehr weit, bald ist dieser Horror vorbei. Ich fasse wieder Mut.

Ich flitze an der Kirche vorbei direkt auf das Hôtel de la Domerie zu. Die sind auch für die Gîte zuständig. Ich komme rein, eine wohlige Wärme empfängt mich, hmm, wie schön! Wir klären die Formalitäten, dann darf ich wieder in den Regen raus und zum Tour (Turm) rüber, denn in eben diesen soll sich die Gîte befinden, mein Name sei angeschlagen am Zimmer. Ich gehe in den mit großen Steinquadern gebauten Turm eine Wendeltreppe hoch und lande tatsächlich in einem 6-Bettzimmer mit einem lauthals telefonierenden französischen Pilger auf seinem Bett sitzend. Ich schaue an der Tür auf den Zettel: hier soll ich schlafen. Oh je! Ich gehe triefend noch einen Stock höher, noch so ein Zimmer. Und noch eins höher befindet sich die Küche, das Bad ist wohl unten oder so. Es ist klamm, Heizung Fehlanzeige, jedenfalls fühlt es sich so an. Ich drehe mich geradewegs um und gehe wieder hinaus und zurück zum Hotel. Nee, nicht mit mir, nicht an diesem heutigen Tag, der tatsächlich in die Annalen meines wetterbedingt schlimmsten Tages meiner gesamten Pilgertour von Lüneburg bis Aubrac eingehen sollte, da war die Sintflut von Bad Bevensen nichts dagegen.

Ich fragte ob sie noch ein Zimmer hätten, bitte auch mit Chauffage, ja haben sie noch. Andere Preisklasse, ist mir jetzt aber egal. Ich komme ins Zimmer, laufe geradewegs auf die Chauffage zu und stelle sie noch triefend, mit meinem Rucksack dastehend, an. So langsam beruhige ich mich wieder, die Heizung bullert auch gleich voll los. Toll, Und Journaux (Zeitungen zum Wasseraufsaugen) für die Schuhe habe ich auch unten bekommen. Die Dusche ist heiß, die Heizungen auch. Ich lege mich schön trocken und gewärmt aufs Bett und esse ein Mars. Ich brauche jetzt Schokolade. Hmm, am Ende wird es doch alles gut gell?

Zu Abend werde ich hier nicht essen, erstens wird das dann echt teuer und zweitens habe ich ja toll eingekauft. Frisches Baguette, Hartwurst, Käse. Ich besorge mir von unten noch ein gutes 1664-französches Bière pression, drapiere alles auf das kleine Nachtschränkchen und genieße mein Abendbrot. Das Bier tut seine Wirkung, die Heizung brummt, ich bin einfach nur total entspannt. Bin ich froh, dass ich jetzt nicht mit lauter anderen nassen Leuten im Tour des Anglais hocke, bin ich froh. Die Klamotten trocknen schön auf der Heizung, wahrscheinlich habe ich hier im Zimmer mittlerweile 27 Grad, egal. Draußen schüttet es immer noch in Strömen, ich kann die gegenüberliegenden vernebelten Bäume kaum erkennen.

Morgen kann es nur besser werden. Morgen geht es den ganzen verdammten Berg runter nach St-Chély-d'Aubrac, nicht weit (ich habe ja meine Tour umgeworfen), aber das ist sicher auch besser so, denn Sonnenschein wird es nicht geben und außerdem muss ich Wäsche waschen. Hier im Hotel habe ich den Vorteil dass ich auch erst um 10 Uhr gehen muss, also alles sutsche und entspannt :-)

Und was lese ich da in meinem Miam miam dodo-Text? "Dieser großartige Abschnitt wird sicherlich einer der schönsten ihrer Reise bleiben." Gröl!!! Weiter besagt er: "Das Aubrac ist ein echter Wasserturm für alle Flüsse, dank der Speicherkapazität des Vulkangesteins…."

…ja und des vielen Regens nicht zu vergessen :-) "Und mitunter braucht es Mut, Courage!" Ja, da stimme ich definitiv zu. 

In meinem Riesenbett schreibe ich noch Tagebuch und schlafe auch sogleich ein, bin ich im Eimer. Morgen geht’s die ersten 500 Höhenmeter runter und übermorgen die weiteren 500 m ins Tal des Lot, dann bin ich wieder unten und hoffentlich wird das Wetter dann auch besser oder wärmer oder beides. Aveyron, ich komme, bzw. bin ich schon da, wieder ein neues Département, das ging ja schnell, habe ich gar nicht mitbekommen. Spannend :-)

25.9.20 

Aubrac nach St-Chély-d'Aubrac

8 km

Ich wache in meinem schönen warmen Zimmer morgens auf, schaue aus dem Fenster und könnte einen Brechreiz bekommen. Es ist neblig, stürmisch, kalt und es regnet. Oh man. Okay, ich hole mir unten einen schönen Kaffee und möchte dann oben in meinem Zimmer frühstücken, ich kann mir Zeit lassen, da ich erstens bis 10 Uhr hier bleiben kann und zweitens nur 8 km vor mir habe, ein Segen bei diesem Wetter. Ich frühstücke also genüsslich, packe meine nun wieder trockenen Sachen zusammen, ziehe die komplette Regenklamotte wieder an und verabschiede mich von der netten Rezeptionsdame. Ich will so gar nicht da raus. Nun, erst mal auf einen Schwung in hiesiger Kirche vorbeischauen, vielleicht hilft ja beten. Obwohl, wenn ich mir meine Wetter App anschaue und die fiese dunkelblaue Fläche dort sehe, die sich nur im Kreis dreht, dann verheißt das nichts Gutes und beten wird da auch nicht helfen. Die Kirche ist aus grauen Vulkanblöcken gebaut und ist durch ein Licht erhellt, das ist schon mal schön, dann tappt man nicht im Dunklen. An der Wand ein schönes gemaltes Bild übers Pilgern. Ich bin alleine, es ist ganz still. Man kann Kerzen anzünden, das mache ich jetzt einfach mal und gehe in mich. 

Erleichtert und frohen Mutes komme ich aus der Kirche raus in den Regen und schreite mit großen Schritten voran bergab. Der Weg ist an sich ein sehr schöner, geht durch den Wald, was es etwas weniger feucht macht, über eine kleine Brücke über einen reißenden Bach. Es geht an moosbewachsenen Steinmäuerchen vorbei, durch einen schönen Eichenwald mit den heimischen Flaumeichen, welche kleiner sind als unsere hiesigen Stieleichen und kleinere Blätter aufweisen. Schön!

Ich sehe die tolle Vulkanspitze Belvezet im Nebel verschwinden, welche ich rasant umrunde, um auf kantigen, steinigen Wegen mit einem neben mir herlaufenden Fließ, welcher sich ob des vielen Wassers gebildet hatte, weiter bergab zu wandern. Ich habe echt keinen Nerv mehr und möchte nur noch ankommen, es schön warm und trocken haben, Wäsche waschen und mich aufs Bett packen. Bin ich froh, dass es heute nur 8 km sind. Augen zu und durch: „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner“-sprechend in einer Dauerschleife. Ab und zu beruhigt sich der vorhandene Sturm und es wird windstill, auch das erfreut schon, man wird ja anspruchslos. Ich komme im Sturmschritt die Straße von St.-Chély-d'Aubrac runter, suche meine Gîte communal "Chez Fanny et Jérémy", gehe die Treppe hoch und oh, die Tür ist offen. Wunderbar, denn ich bin früh dran. Die Gîte macht einen guten Eindruck und ich bin die erste. Leider ist sie kühl, die Heizung geht nicht. Meine Laune sinkt wieder und es macht sich wieder ein Ich-gehe-ins-Hotel-Gedanke breit. Da war doch da vorne eins gewesen. Ich gehe also wieder nach unten und zum Hotel. Im dazugehörigen Restaurant tobt der Bär im Kettenhemd, es ist Mittagszeit. Die Dame an der Rezeption ist leicht genervt, bietet mir aber ein Zimmer an, ja es gibt auch Chauffage, toll denke ich, super Sache, nehme ich. Am Ende des Gespräches teilt sie mir jedoch mit, dass ich erst um 15 Uhr da rein kann. Oh man, nee geht gar nicht, was soll ich denn bis dahin machen, triefend wie ich hier vor ihr stehe? So langsam fange ich an zu frieren. Ich bin nur genervt. Ich verabschiede mich also wieder und gehe zur Gîte zurück, beziehe auch schon mein Zimmer und mache mir unten einen Kaffee, die Gemüter beruhigen sich. 

Es kommt wenig später eine Dreiertruppe französischer Herren vorbei, die das andere Zimmer beziehen. Dann kommt der Gîtebetreiber Jeremy endlich rein, den ich gleich bestürme, ob man die Heizung anmachen könne, und was mit waschen wäre, weshalb ich ja so früh gekommen bin. Er macht einen sehr entspannten Eindruck, bzw. lässt mich zappeln und findet das wohl komisch. Ich kann sehr ungnädig werden, wenn die Klamotten nass sind und die Chauffage nicht geht. „Ja alles mit Gemach“, meint er. Idiot, mittlerweile nervt er mich. So langsam kommt er aus dem Quark und macht einen Schalter an, somit geht dann auch die Heizung. Wir schmeißen alle unsere Wäsche in einen großen Sack und er geht damit nach nebenan und packt es in die Waschmaschine und nein ich soll mir keine Sorgen machen, alles wird am Abend trocken sein. Na hoffen wir es mal. Eine Holländerin mit einem Spanier betritt triefend nass das Haus und zu guter Letzt tatsächlich noch ein Bayer, sind ja eine große Truppe geworden. Die nassen Schuhe stehen mit Zeitung bestückt im Regal, die nassen Regenklamotten im Heizraum und die Rucksäcke stapeln sich vor den Zimmern, klar, die dürfen wegen der Punaises (Bettwanzen) nicht mit rein.