Biberach an der Riß nach Interlaken 2

 

Als ich gerade meinen Aufstieg beginnen will, kommt eine kleine Gruppe Radler an mir vorbeigefahren und kämpfen sich den Berg hoch. Ich dachte ich seh' nicht richtig. Nix mit Elektrobike. Die kernigen Schweizer, es waren ältere Herren, machen alles ohne. Ich sollte noch mitbekommen, dass die steilsten Berge scheinbar auch mit dem Fahrrad zu bezwingen sind, denn mir kam auch später der ein oder andere entgegen. Also das wäre nun wirklich nicht meins. Ich stapfte den Berg hoch, Wiesen überall, in der Weite konnte man vielleicht Alpen erahnen, aber es war sehr diesig. Toll sieht es hier aus.

Kernige Schweizer Radler. Und was ist das? links für kernige und rechts für Weicheier?

Da ist das Hörnli, da muss ich hoch und wenig später schon ein Stück höher gekommen mit schöner Aussicht

Auf halber Strecke gab es eine Bank mit eben dieser tollen Aussicht. Zeit zum Pause machen und mich über einen neuen Kanton freuen, was an den Wanderwegsschildern immer gut zu erkennen ist. Ich befinde mich nun im Kanton Zürich. Gut ausgeruht wurde es jetzt echt übel.

Serpentinen folgen auf steile Treppen

Eine steile Treppe ging den Berg hoch um später mit Serpentinen weiterzuführen, aber vorbei an wundervoller Flora: Teufelskralle und Geisbart, Knabenkraut in allen Varianten. Die schaut man sich doch mal näher an, kann man dann auch verschnaufen :-) Wieder Schritte zählend (was ich in der Schweiz noch häufiger tun sollte) ging es weiter...und 1 und 2 und 3..., Pause bei 80.

Teufelskralle, Geißbart, Knabenkraut hell, Knabenkraut dunkel

Und dann stehe ich auf dem Hörnli (1133 m, süßer Name) Tolles Gefühl, ich hab's geschafft!!!

Oben mache ich es mir erst mal auf der Wiese bequem und esse die leckeren von Lorenz gespendeten Butter Sablés-Kekse. Ich sage ja, das Schöne am Bergekraxeln ist doch die Aussicht am Ende und die ist ganz wundervoll hier.

Hörnli-Aussichten und Bank mit Aussicht

Auch wachsen hier oben unendlich viele Wiesenblumen, ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Der Wiesenknöterich in verschiedenen Varianten sollte mir noch öfters begegnen, aber auch welche, die ich überhaupt nicht kenne: Futter Esparsette, Leimkraut oder Goldpippau, toll. Auch der Wiesensalbei ist zugegen mit seiner lila Doldenblüte.

Futter Esparsette, Leimkraut, Goldpippau, Knöterich

Lange bleibe ich hier oben, bevor ich mich frisch gestärkt an den Abstieg ins Tal mache. Da kommt mir glatt ein Radfahrer schnaufend entgegen. Ich staune nur und rufe ihm zu, dass er es gleich geschafft hat. Der Weg ist wirklich steil. Ob das Spaß macht, ich weiß ja nicht!

Über schöne Wiesen ging es in Serpentinen nach unten. Mittlerweile bin ich ganz schön k.o. Abstiege haben es auch ganz schön in sich und meine Muskeln schmerzen etwas. Aber mein Knie ist supergut. Ich hatte ja doch Bedenken (klar: Madame Souci ist wieder hie), dass ich gerade bei den Abstiegen große Probleme bekommen könnte. Nun, die Bedenken hätte ich mir sparen können.

Himmelsblick zurück

blumig geht’s runter

Auch über Kuhweiden geht’s

Berg-Impressionen

Der Abstiegsweg ist gefälliger als der Aufstiegsweg

Und wir befinden uns im Kanton Zürich, am Wappen zu erkennen

Das süße Schild zeigt Pilgern den Weg und hier Schweizer Pilgerklassiker

Endlich kam ich dann unten in Steg im Tösstal an der Pilgerherberge an. Zuvor im Lädle habe ich mir noch ein Quöllfrisch (Appenzeller Bier) und eine Toblerone (muss schon sein) geholt, denn heute gibt es "Stulle mit Brot", das erste Mal. Ich hatte ein kleines Zimmer für mich, wenig später sollten noch ein Schweizer Pärchen kommen, mit denen ich dann draußen am Tisch in der Sonne noch schnacken konnte. Als dann die Gastgeber dazu kamen wurde es sehr schweizerisch und ich habe kein Wort mehr verstanden, das ließ uns gemeinsam drüber lachen. Schön war der Abend mit allen zusammen. Und Brötchen mit tollem Appenzeller und Quöllfrisch war auch ganz wunderbar. Ich habe nicht darunter gelitten jetzt nichts warmes Essen zu können. So sollte mir diese Kombi im großen und ganzen den Weg nach Interlaken über hold bleiben.

Es geht doch nichts über einen tollen Appenzeller und ein schönes kühles Quöllfrisch. Die Appenzeller selbst gelten als ein bissel hinterwäldlerisch und eigensinnig, wie mir die Gastgeber sagten, man kennt die Truppe der drei Männer, die da auf einer Bank auf der Wiese sitzen aus der Werbung, der Käse ist aber gut.

Hier gab es auch "Schlafen im Stroh". Das kenne ich nun noch gar nicht. Das gibt es viel in der Schweiz und wird in den Sommermonaten gerne von Gruppen angenommen, hat halt seinen ganz besonderen Charakter. Die Frau des Hauses zeigte mir die "Schlafen im Stroh"-Ecke, naja, ich bin froh ein Bett zu haben, gebe ich ehrlich zu. Aber ich habe während meiner Tour auch "Schlafen im Stroh" mit dabei, bin gespannt. Ist halt auch recht günstig.

Steg nach Rapperswil

23 km

6.6.18

Langer Weg heute. Ich habe mir schon eine Busverbindung rausgesucht kurz vor Jona, falls es doch zu heavy wird, aber die sollte ich am Ende nicht nutzen. Früh saßen wir alle am Tisch, es gab Frühstück und dazu ein kleines Geschenk der Gastgeberin, ein Herz-Etui mit einer Perle darinnen und einem Bibelspruch zum Thema: Du bist eine Perle. Ich war total gerührt. Ich ging früher los als die Schweizer, die gingen noch einkaufen, später sollten wir uns aber wieder treffen. Durch quietschgrüne Berge ging es bergauf-und ab durch kleine Dörfer, an bimmelnden Kühen vorbei, totaler Allgäu-Charakter, fand ich. Im Dunst hinten kann man Alpen erkennen. Irgendwie wunder ich mich, dass ich die Alpen noch nicht voll vor der Nase habe. Es ist auch immer Dunst da und es macht sich mal wieder eine Sorge breit, dass ich die Alpen vielleicht gar nicht sehen werde. Nun auch diese Sorge hätte ich mir sparen können, denn irgendwann laufe ich einfach dagegen :-)

Auf dem Weg nach Ried, mit Alpen hinten im Dunst

Märklin-Eisenbahn-Ambiente finde ich

Die Landschaft verändert sich, es gibt Täler mit Wäldern, eine Bahngleise führt hindurch, erinnert mich an Märklin-Eisenbahn-Landschaften. Schön. Oben auf dem letzten Berg angekommen konnte man in der Ferne schon den Zürichsee erblicken, mein erster See hier, weitere werden folgen, denn der Wanderweg geht natürlich nicht quer über die Alpen, sondern an den Seen entlang. Ich traf oben die Schweizer wieder und noch ein deutsches Pärchen, wenig später kamen die Mädels, die scheinbar immer spät losgehen, da ich sie immer wieder überholt hatte. Ich bin mitunter schon um 7 Uhr unterwegs. Da ist es noch kühl und ich habe viel Zeit für den Weg und kann schön Pausen einlegen. Es wäre auch schade hier einfach nur durchzurennen, die Landschaft ist einfach zu schön.

Steile Straßen, kann man nicht anders sagen. Und es geht insgesamt dreimal über die Jona

Es wurde mir dann doch zu trubelig mit den vielen Leuten und ich machte mich als erste auf den Weg nach unten, komme an einer Straße vorbei mit dem Schild: Steigung 22%, das ist doch mal krass. Im Wald mache ich auf einer kleinen Lichtung am Bach Pause, wenig später kommen die ersten Mädels an mir vorbei und auch das deutsche Pärchen, die ich dann wiederum später überholte. Also geht's jetzt voll los mit Wanderern. Hmm. Steil geht's nach unten, dann über die Jona, die in den Zürichsee fließt und dem Stadtkern Jona, von Jona-Rapperswil den Namen gab. Die beiden Gemeinden haben sich 2007 zu einer zusammengeschlossen. Und tatsächlich betrat ich am Anfang der Stadt wieder einen neuen Kanton: St. Gallen. Ich stellte fest, dass die Nummernschilder, die ich seit Würzburg (wir erinnern uns W-ÜT und WÜ-RG) mir genauer anschaue, sich immer nach dem Kanton richten: SG für St. Gallen und TH für Thurgau. Na das ist doch mal einfach.

Ich komme an der Straße mit der Bushaltestelle an, entscheide mich aber weiter zu wandern, noch einmal über die Jona und dann im Marschschritt durch Jona nach Rapperswil runter, da eine dunkle fiese Wolke auf mich zukommt und ich wenig Lust auf Regen habe. Schnell sprinte ich die Treppen den Berg hoch und springe in die Liebfrauenkapelle von Rapperswil, da fängt es an zu regnen. Puh, das war knapp. Ich fühle mich total kernig, 22 km einfach mal so abgeritten und dann noch mit dem Tempo am Ende. Erst mal Schuhe ausziehen, der Kirchenfußboden ist schön kühl, das ist angenehm. Ich sitze alleine in der Kapelle auf dem Türabsatz und lasse den Regen auf meine Füße prasseln, das tut gut.

Die kleine Liebfrauenkapelle und beregnetete, müde Füße

Ich muss mich noch ein Weilchen gedulden denn die Pilgerherberge hat noch nicht auf. Ja ich werde heute in der Pilgerherberge in Rapperswil übernachten, wo es schon auf dem deutschen Jakobsweg viel Werbung für gab. Ich bin gespannt und freue mich. Wir werden uns da alle wiedersehen, außer das deutsche Pärchen, die kommen woanders unter, da kein Platz mehr war. Die Mädels kommen noch, die Schweizer, Doris und ich. Es wird richtig voll. Gut wenn man dann der erste ist, der vor der Tür steht :-)

Die Pilgerherberge liegt mitten in der Altstadt unweit vom Zürichsee, geiler geht's nicht. Sie hat 12 Betten und ist liebevoll eingerichtet, total süß. Ein großer Jesus prangt an der roten Wand. Ich suche mir gleich ein schönes Bett aus (gleich neben Jesus) und mache mich breit. Schnell in die Dusche, bevor die anderen kommen. Auch gibt es einen Föhn, das muss ausgenutzt werden, also Haare waschen.

Rapperswil Pilgerherberge mit Schlafraum (ganz schön voll) und schönem Aufenthaltsraum

Wenig später kam noch Doris, eine Alleinreisende auf dem Weg nach Genf, mit der ich mich zusammentat, dann noch die beiden Schweizer Freddy und Sylvia, die Mädels waren erst spät da, weiß nicht was die gemacht haben.

Richtig was los, finde ich gut. Beim Wandern brauche ich das nicht, aber jetzt hier am Ende der Wanderung finde ich das toll, na und wir kennen uns ja auch alle schon und Doris lernte ich noch kennen. Sie und ich holten uns eine Pizza ums Eck beim Take away, die glatt noch bezahlbar war mit 18 Franken und es gab günstiges Bier im Hostel. Im schönen Aufenthaltsraum aßen und laberten wir zusammen. Es war richtig nett. Abends ging ich noch runter zum Zürichsee, war ja nicht weit. Die Sonne ging dramatisch unter und das letzte Schiff nach Zürich, am Ende des Sees gelegen, legte ab. Ich saß da auf der Bank und konnte es mal wieder alles nicht fassen.

Es war unheimlich schön hier, der See glitzerte in der Abendsonne und wenig später kamen Freddy und Sylvia ums Eck, so saßen wir gemeinsam auf der Bank und schauten. Als wir zurück ins Zimmer kamen war alles voll, die Mädels waren angekommen. Gut war, dass wir alle gleichermaßen k.o. waren und alle zur gleichen Zeit schlafen gingen und zur gleichen Zeit auch wieder aufstanden. Somit gab es keine Unruhe.

Ich  wollte eigentlich zwei Nächte hier bleiben, Pause machen, so wie ich es ja immer mache, habe mich aber entschieden morgen über den See rüber nach Pfäffikon bzw. zum Lützelhof zu gehen, damit ich schon mal einen Teil des Weges nach Einsiedeln hinter mir habe, da es über den Etzelpass geht und da habe ich ein bissel Respekt vor. Somit werde ich morgen Rapperswil anschauen, was auch viel zu bieten hat und dann über den tollen Steg, auf den freue ich mich besonders, rüber zur anderen Seeseite gehen. So sei es.

Rapperswil nach Pfäffikon/Lützelhof

13 km

7.6.18

Allgemeine Aufbruchsstimmung. Ich bin traurig, denn alle werden heute nach Einsiedeln gehen, außer ich. Aber ich habe mich so entschieden und werde es so machen. Wir verabschiedeten uns voneinander und sahen uns nie wieder.

Da die Pilgerherberge zu machte musste ich meinen Rucksack mitnehmen, den ich aber wenig später in einem Café abgeben konnte, in dem ich mich postkartenschreibend bei leichtem Nieselregen draußen hinsetzte. Doof mit dem Wetter, aber es sollte später noch die Sonne rauskommen. So hatte ich die Möglichkeit mir den Ort ohne Regen anzuschauen. Rapperswil hat viel zu bieten, eine schöne Seepromenade mit ihren Cafés und Restaurants, dann den Weinberg mit dem Schloss und der St Johann oben drauf, auch ein Kloster gibt es und....

....Rosen.

Die tollen Rosengärten von Rapperswil und der heimische Weinberg. Gleich daneben das Kloster und die steilen Treppen nach oben

Der Zürichsee vom Weinberg aus

Der Weinberg selbst

Die Pfarrkirche St. Johann steht auch auf dem Schlossberg und prägt ebenfalls das Stadtbild von Rapperswil. Innen mit viel Holz gehalten, mal ganz anders.

Die nette Altstadt war auch mit Rosenstöcken bestückt und später auf dem Weg runter vom Schlossberg auf den Hauptplatz war mitten im Weg eine goldene Jakobsmuschel eingelassen, davon hatte mir Doris gestern schon erzählt.

St. Johann mit der Silbermadonna

Rapperswil adé

Nach einer Brötchen-mit-Appenzeller-und-Toblerone-Pause am Hafen, holte ich mir dann meinen Rucksack und machte mich auf den Weg zum einmaligen Holzsteg, welcher 2001 auf den Pfählen der alten mittelalterlichen Holzbrücke neu errichtet wurde und somit den Jakobsweg von Konstanz nach Einsiedeln wiederherstellte, wie er früher war, inklusive Heilig Hüsli auf der Brücke.

Die Maika und das Heilig Hüsli auf dem Holzsteg

Der Steg ist 840 m lang. Das war ein Erlebnis, wie geil ist das denn? Toller Steg mitten über den Zürichsee und mitten auf dem See gibt's dann auch gleich einen neuen Kanton, St. Gallen war nur kurz, jetzt bin ich in Schwyz, einem der drei Urkantone, der der Schweiz dann auch später ihren Namen gab. Ich verbringe lange auf der Brücke, macht einfach Spaß.

Am anderen Ende angekommen ist's nicht mehr so schön, denn die Straße, die hier langgeht ist sehr befahren und auch der Zugverkehr muss hier durch. Ich wanderte an den Gleisen lang, am Bahnhof darüber hinweg und den Berg hoch zum Lützelhof, einem Bauernhof. Hier gibt es Schlafen im Stroh. Da ich ganz alleine war, konnte ich mir was aussuchen. Es gab auch Matratzen. Hmm!

Es war vor der Unterkunftsscheune viel los, Traktorlärm-und gestank und Bambule. Ich war genervt und mir gefiel das alles nicht. Das andere Zimmer mit Betten war direkt über dem Kuhstall, wo die Kühe rausgehen konnten und überall die Kuhfladen rumlagen. Nee, geht gar nicht. Ich nistete mich dann also in der Bambulen-Scheune oben auf einer Matratze ein, unten war das Stroh. Sah wirklich urgemütlich aus. Ich ging erst mal duschen. Eine Dusche direkt im Kuhstall, also am Eingang. Speziell, die Kühe guckten mich auch schon komisch an.

Schlafen im Stroh oder Matrazenlager?

Die Sonne kracht mittlerweile vom Himmel und es ist noch recht früh am Tag, also Waschtag. Es gibt sogar einen Wäscheständer, das muss ausgenutzt werden. Schließlich müssen die Strümpfe morgen trocken sein.

Der Traktor verschwand irgendwann, gegen Abend wurde es ruhig und auch ich beruhigte mich langsam wieder. Die Bäuerin und Gastgeberin, die ich bisher noch nicht gesehen hatte, war sehr freundlich und so war doch am Ende alles wieder gut. Es gab sogar im Kühlschrank ein Quöllfrisch. Morgen früh werde ich oben bei denen am Frühstückstisch mit frühstücken bevor ich den Aufstieg zum Etzelpass antreten werde.

Ich saß also noch tiefenentspannt auf der Veranda eines netten Holzwagens auf der Weide, nahm mein Abendbrot mit Appenzeller, Brötchen und Quöllfrisch zu mir.

Bauernhof-Ambiente, Wäschewaschen und Klassiker-Abendbrot auf der Veranda eines Holzwagens

Später bin ich dann noch den Berg weiter hoch gegangen und hatte noch einen tollen Blick zurück auf den Zürichsee von der andern Seite mit schönem Sonnenuntergang. Ich hoffte noch, dass jemand kommen würde, war aber nicht so. Nach dem Gewusel gestern in Rapperswil war das jetzt komplett das Gegenteil. Nun ich richtete mich auf meiner Matratze ein und schlief dann auch ein. Das Strohlager sieht zwar toll aus, aber Matratze ist dann doch schöner.

Zürichsee

Lützelhof nach Einsiedeln

über Etzelspitze 1098 m

16 km

8.6.18

Ich habe gut geschlafen und mache mich mit Sack und Pack den Berg hoch zum Wohnhaus der Familie, um mit ihnen zu frühstücken. Ich nehme mir noch Wegzehrung mit, verabschiede mich und gehe los, gleich über die A3 rüber und in den Wald hinein, den Berg hoch. Der Weg die Luegeten hoch war mitunter sehr speziell, denn er bestand zeitweilig nur aus Baumwurzeln und war recht steil. Nach einigen Wirrungen, da die Wegführung irgendwie nicht ganz eindeutig war ging es weiter durch den Wald und gefühlte 5000 Stufen den Berg hoch in den Nebel rein. Völlig fertig kam ich auf einem kleinen Vorsprung mit Bank und dem tollen Ausblick in den "schweizer" Nebel, unschwer zu erkennen an der schweizer Fahne, die dort aufgehängt war, an. Wenn man es bisher noch nicht gewusst hat, wir befinden uns in der Schweiz, ja!

Ich sage mal: völlig im Eimer :)     ...und das in der Schweiz :)

Darf ich vorstellen: die schweizer Alpen

Weitere gefühlte 1000 Stufen und ich kam zur Etzel Kulm, ein Gasthof auf 1098 m Höhe, auf der Etzelspitze. Aha, da wollte ich nun gar nicht hin, aber auch schön. Man ist ja kernig und läuft einfach mal 150 m höher als den Etzelpass. Etzelpass? Kann ja jeder :-) Was soll ich mich ärgern, genieße ich doch die nicht vorhandene Aussicht auf wunderbare schweizer Alpen, wie mir ein Schild, inklusive der Benennung jeden Gipfels, mitteilte. Schönes Bild. Ich selber sehe hier nur grau. Dafür ist es angenehm kühl hier oben.

Ich stehe aber immer noch im T-Shirt rum, hole mir einen Stempel im Gasthof und mache mich auf der anderen Seite, wiederum einen steilen Weg, auf nach unten zur Passhöhe und komme wenig später an der Meinradskapelle raus. Hier finde ich den Wegweiser wieder, das erleichtert schon mal. War halt ein kleiner Abstecher. Meine Wanderstöcke erweisen mir wieder einen guten Dienst ob der Steilheit des Weges. Ohne würde ich nicht mehr wandern wollen. Gerade in den Bergen enorm haltgebend.

Meinradskapelle Etzelpass

Nun möchte ich noch etwas zum heiligen Meinrad sagen. Ja es gibt einige Heilige hier. Später werden wir noch etwas über Bruder Klaus erfahren, ein weiterer Heiliger, der mir persönlich am Herzen liegt. Aber dazu später.

In der kleinen Kapelle ist die Geschichte von Bruder Meinrad in Bildern erzählt: Er war Mönch, der sich in die Einsamkeit zurückzog. Er ließ sich hier nieder. Da ihn immer mehr Leute aufsuchten, um ihn um Rat zu fragen, denn er war sehr weise, zog er sich zurück in den "Finsteren Wald", wo heute das Kloster Einsiedeln steht. Es kamen zwei doofe Landstreicher vorbei, die er bewirtete. Die beiden dachten er hätte Schätze bei sich und brachten ihn schließlich um. Zwei Raben, die Meinrad gepflegt hatte, verfolgten die beiden und machten deren Untat bekannt. So wurden sie verurteilt und hingerichtet. Aufgrund dieser Legende befinden sich die beiden Raben im Wappen des Klosters, des Dorfes und des Bezirkes Einsiedeln. Spannende Geschichte.

Ich mache mich wieder auf, gehe den richtigen Weg und erreiche nach einer Weile die Tüfelsbrugg, eine Brücke, die 1699 für die vielen Pilger nach Einsiedeln über der Sihl gebaut wurde.

Paracelsus-Gedenkstein und die Tüfelsbrugg über der Sihl

Man macht schon viel für die Pilger, kann ich nicht anders sagen. Viele der Pilger enden ihren Weg jedoch in Einsiedeln, DEN Wallfahrtsort in der Schweiz. Nun, ich werde weitergehen, klar.

Es ist eine mächtige überdachte Brücke und kurz davor steht ein Stein, hier war die Geburtsstätte von Paracelsus. Aha, wusste ich bisher auch nicht, man lernt nie aus. Da ist er aber an einem schönen Ort geboren worden, umgeben von Bergen, saftigen Weiden, Kuhglocken-Gebimmel, schön. Es gibt eine Wegvariante, da die andere wohl viel Asphalt haben soll. Nun ich entscheide mich für die Feldweg-Variante, die auch eine sehr schöne ist. Nun ist Zeit für eine Pause, Füße lüften, was essen. Pünktlich dazu kommt die Sonne hervor und so wurde es eine sehr angenehme Pause.

An vielen Wiesenblumen ging es auf schmalen Fußwegen weiter über Weideflächen, was ich persönlich immer ein bissel unheimlich finde, da ich nicht weiß, ob da nicht eine Kuh mit dabei ist, die schlechte Laune hat. Aber sie blieben da wo sie waren und bimmelten vor sich hin. Ich liebe dieses Geräusch. In der Ferne war noch die Tüfelsbrugg zu erkennen.

Auf einem Wegweiser heißt es: Jesus, le chemin, Jesus ist der Weg. Schön, dem kann ich nur zustimmen.

Welches Wappen ist das? Richtig: wir befinden uns in Schwyz

Da sind sie, die Almkühe. Und ganz lieb sind sie :)

An Klappertopf (welch ein Name, davon gab es viele wunderbar in gelb gehalten), Bibernelle (in lila) und Kälberkopf (in weiß) ging es über sanfte grüne Hügel Richtung Einsiedeln.

Klappertopf, Kleine Bibernelle, Kälberkopf, Günsel, Knäuel Glockenblume

Es hat sich wieder zugezogen und ist grau geworden. Ich hoffe, dass sich das noch ändern wird, wäre sonst echt Schade. Ach Maika, Madame Souci, alles wird gut :)

Der Sihlsee verschwindet fast im trüben Nebel, als das Ortsschild von Einsiedeln auftaucht: generell 50 fahren gell? Ich sehe das Kloster schon von weitem und hoffe noch trocken anzukommen. Ich freue mich total auf Einsiedeln, so war das doch immer der Ort wo viele Wege enden, der Ort wo man unbedingt hin muss und ich übernachte heute im Kloster. Klasse!

Ist schon noch ein Stück über die grünen Wiesen

Seit über 1000 Jahren pilgern Christen hierher und im Laufe der Jahrhunderte hat sich der Ort zum wichtigsten Pilgerzentrum der Schweiz entwickelt.

Der Sihlsee mit den Bergen im Hintergrund: alles in schönem Nebel gehalten                       

Etwa 70 Jahre nach dem Tod Bruder Meinrads hat man mit dem Bau des Benediktinerklosters begonnen. Im Innern der Klosterkirche befindet sich die Gnadenkapelle, die das Gnadenbild der schwarzen Madonna beherbergt, dem Ziel der Pilger. Sie steht dort, wo vor vielen Jahren der Meinrad seine Kapelle gebaut hatte. Es ist einiges los auf dem Vorplatz und in der Kirche. Vor der schwarzen Madonna sitzen einige Menschen und beten. Die Kirche ist prunkvoll in Barock, hell und bunt gehalten. Sehr beeindruckend. Und in der Mitte die aus schwarzem Marmor gefertigte Gnadenkapelle.

Kloster Einsiedeln

Die prunkvolle Klosterkirche ist schon der Hammer  und mittig steht die dunkle Gnadenkapelle                          

Der Grund, warum die Pilger hierher pilgern: Die schwarze Madonna in der Gnadenkapelle

Das Fotografieren ist nicht erlaubt, was mich nun so gar nicht interessiert und so bin ich auf der Hut.

Da ich gleich nebenan wohne, werde ich nachher zur Messe noch mal wiederkommen, aber es kam dann doch anders, diesmal doof anders.

Ich bekam mein schlichtes, gutes Zimmer, ging duschen und war dann der dämlichen Meinung, dass ich mein Handy komplett neu starten sollte, da die Wanderapp immer wieder rumgesponnen hat. Im Bruchteil einer Sekunde kam der Gedanke: Lass es! Ja man sollte doch auf diese leise Stimme hören. Aber nein, ich ließ es nicht und gab zweimal die falsche Pin ein, war ich doch überzeugt, dass es die richtige ist. Die arme Sekretärin im Büro nebenan, die ich immer wieder aufsuchte, um das Problem zu lösen, sie hatte wirklich viel Geduld mit mir. Sie suchte mir die Nummer der Telekom raus, ich hing da in der Warteschleife. Als endlich einer dran war, bekam ich das blöde Handy nicht auf um die Simkarte rauszunehmen und die Kartennummer zu sagen. Rausrennen zum Handyladen (zum Glück handelt es sich bei Einsiedeln um einen größeren Ort), der mir die Karte rausholte, zurück im strömenden Regen, der nun einsetze. Der Teufel steckte im Detail. Am Ende landete ich beim Italiener, bat ihn telefonieren zu dürfen, trank einen doppelten Espresso während ich ewig  mal wieder in der Warteschleife hing. Als der Herr am Telefon mir alles freischaltete, hätte ich ihn durchs Telefon küssen können. Die 10 Euro, die ich hätte zahlen sollen an die Telekom, erließ er mir. Schön, ich hätte ihn noch ein zweites Mal küssen können :-)

Der Brunnen und die Klosterkirche mit Abendbeleuchtung und blauer Stunde

Und mein kleines Klosterzimmer

So ohne Handy ist es doch blöd, zumal der ein oder andere mir schreibt, wann ich denn ankomme, naja und überhaupt um Läden zu finden, Busse und all sowas. Geschweige mal von whatsappen mit der Familie. Sowas wie in Würzburg sollte nicht nochmal passieren. Überglücklich, aber völlig fertig kaufte ich noch ein Dankesgeschenk für die Sekretärin, die mir wirklich geholfen hat, das fand ich ganz toll von ihr, und ging zum Abendbrotessen, denn das gibt es heute im Kloster. Eine Gruppe Einsiedeln-Pilger waren auch da, aber es war schwierig zueinander zu kommen. Wie ich schon sagte, mit Gruppen ist das nicht ganz einfach, die sind sehr unter sich. Das Abendbrot war toll, mit Suppe, Hauptgericht, Nachtisch. Klasse. Ich machte dann noch die Spätmesse mit und ging dann mit einem Entspannungsbier auf mein Zimmer. Hmm, keine Bettdecke, speziell, aber egal, habe Schlafsack. Was für ein Tag! Aber am Ende wurde alles gut!

Einsiedeln nach Haggenegg

(1421 m)

14 km

9.6.18

Die Sonne lacht vom Himmel, mein Handy geht, lecker Frühstück, es kann los gehen zu meiner größten Herausforderung auf meinem jetzigen Pilgerweg und zur höchsten Erhebung des schweizer Jakobsweges: zum Haggenegg. Dort werde ich übernachten, das lass ich mir nicht nehmen. Es gibt auch eine günstige Pilgerunterkunft mit Mehrbettzimmer, schön!

Der Klostereingang mit dem heiligen Benedikt, zu dem nur bestimmte Leute einen Schlüssel haben: nämlich ich :)  und der Klosterinnenhof am morgen

Ich verabschiede mich von der Sekretärin und mache mich auf den Weg, lasse Einsiedeln über saftige Wiesen am Flüsschen Alp entlang, welches nicht mal 20 km lang ist und in den Mythen entspringt, hinter mir. Ich traue meinen Augen kaum, aber die Mythen, klein (1811 m) und groß (1898 m) befinden sich direkt vor mir und ganz ohne Dunst, die Alpen kommen, toll. Ich dachte schon ich seh' gar keine Alpen, werde aber heute fast dagegen laufen, Alp zum anfassen, klasse!

Kurz nach Einsiedeln kommt ein weiteres Kloster in Sicht: Das Benediktinerkloster Au

Auf geradem Weg geht es auf die Mythen zu, die man klein im Hintergrund schon erkennen kann

Am Fluss Alp entlang Richtung Alpen

Mit großer Freude gehe ich den geraden, fast ebenen Weg den Fluss entlang. Zeit um in sich zu gehen.

St. Apollonia, Alpthal

So häufig hat man dazu hier beim Wandern gar nicht die Möglichkeit, da man sich sehr auf den Weg konzentrieren muss. Besser is, sonst kann das übel ausgehen, Abgründe befinden sich überall :-)

Ich wechsel die Flussseite und komme in den Ort Alpthal und besuche eine schöne Kirche mit einem tollen Jesusbild am Altar, mal nicht gekreuzigt, sondern mit ausgestreckten Armen, den Menschen zugewandt.

Noch eine Pause mit Picknick und kurze Zeit später stehe ich vor dem Aufstieg.

Okay, packen wir's an.

Steil ist er und steinig. Mit meinen Wanderstöcken kann ich mich gut abstützen, dann geht nicht alles über die Beine und es gibt Halt. Der Aufstieg hat es in sich, war aber auch nicht anders zu erwarten. So fange ich wieder an zu zählen und mache nach 80 wieder eine kurze Verschnaufpause, um mich dann weiterzuarbeiten. Es geht über einen kleinen Bachlauf rüber und nach einer ganzen Weile aus dem Wald heraus auf eine Wiese und zum Bruustchappeli mit der Marienstatue und einem Bänkchen davor.

Die Bruustchappeli kommt zum Verschnaufen gerage richtig

Zeit für Pause. Und wer hat hier auch schon mal gesessen? Goethe. Na da kam er auch hoch hinaus, der Herr. Die Mythen kommen immer näher und ich bin nach der Pause wieder fit für den weiteren Aufstieg, das gröbste habe ich aber schon hinter mir. Plötzlich schlägt das Wetter um und es wird grau, nebelig und kalt, die Berge verschwinden im Nebel. Dass so schnell das Wetter umschlägt hätte ich auch nicht gedacht, habe davon aber schon gehört. Also geht's mit Pullover und Halstuch weiter. Nach Haggenegg ist es nicht mehr weit und ich glaube es nicht, aber ein Schild sagt mir, das man auch mit dem Fahrrad hier hochfahren kann. Irgh!

Mythen mit grau und kalt

Ich komme über den Berg und da stehen ein paar Häuser, der Gasthof und die Pension. Kurz davor eine kleine Pilgerkapelle. Ich setze mich einen Moment rein, zünde eine Kerze an. Ich habe es geschafft: 1421 m. Toll! Jetzt kann mich nichts mehr schocken. Kolonnenweg bewältigt, Rhön und Schwäbische Alb und nun Alpen. Hammer!

Pilgerkapelle Haggenegg

Von hier aus hat mein einen herausragenden Blick zum Vierwaldstätter See und zum Luerzer See, dahinter die Alpen, die nun langsam wieder im Dunst verschwinden, noch mit Schnee bedeckt. Die Sonne kommt auch langsam wieder raus.

Das ist doch mal ein Blick: links Haggenspitz und kleiner Mythen (der große Mythen ist hinterm kleinen jetzt versteckt),

der Gasthof und links der Vierwaldstädter See, rechts der Luerzer See

Es ist viel los, es ist Wochenende und die Leute sitzen im Gasthof draußen und essen. In meinem Zimmer mit den 6 Betten bin ich die einzige und werde es tatsächlich auch bleiben, was ich bei dem ganzen Andrang hier nicht gedacht hätte, alles nur Tagesgäste.

Nach dem Duschen mache ich mich auf den Weg die Gegend zu erkunden, denn die Sonne lacht und ich kann es kaum erwarten den Mythen näher zu kommen. Es geht einen kleinen Weg dem Myth entgegen. Die Landschaft ist unglaublich schön. Hier oben befinden sich noch mal andere Blumen (das erste Mal die Trollblume, gelb) gesehen. Es sieht aus, als ob ein Gärtner einen Steingarten angelegt hätte, einfach toll anzusehen, vor mir die Alp zum anfassen. Es ist einfach nur wunderbar und ich verbringe einige Zeit hier.

Alp-Steingarten

          Die klassische Almkuh ist neugierig

Abends gehe ich im Restaurant was essen, habe es irgendwie verpeilt was einzukaufen. Nun war nicht ganz billig, klar, aber mal geht das auch. Ich war der einzige Gast und sollte also ganz alleine hier im Gasthof die Nacht verbringen, denn die Angestellten wohnen unten in Schwyz (also dem Ort).Wir reden noch darüber ob ich den Schlüssel haben kann, da ich zum Sonnenuntergang, der hoffentlich kommt, nochmal hoch auf die Anhöhe möchte, zum gucken. Außerdem möchte ich morgen früh aufstehen und erhoffe mir klare Sicht auf die Berge. War etwas schwierig, bekamen wir dann aber doch hin und so machte ich mich abends nochmals auf, den Berg hoch. Es war ein Wahnsinns-Gebimmel um mich rum. Ich erfuhr später, das die Bauern die Kühe erst gegen Abend raus lassen, da sie sonst von so vielen fiesen Insekten geplagt werden. Nun sind die alle draußen und es ist ein ordentliches Getöse, toll. Leider hat es sich sehr zugezogen und wenn ich ehrlich bin sieht es da hinten richtig gruselig aus, Weltuntergangsstimmung. Ich gehe mal lieber wieder zurück.

Kurz vorm Weltuntergang

Weltuntergang

Kaum in meiner Unterkunft angekommen geht tatsächlich die Welt unter. Es fängt an zu krachen, zu blitzen und schüttet aus Eimern, so dass das Wasser das Fenster reinkommt, ist nicht ganz dicht. Schön! Ich bin wirklich kein ängstlicher Mensch, aber ich saß da im Innern des Hauses auf der Treppe und hatte echt Angst. Es krachte so laut, dass ich dachte, dass der Blitz jetzt eingeschlagen hätte. Und tatsächlich hatten die Besitzer, die ein paar Häuser weiter wohnten, auch Bedenken, obwohl das Haus schon über 100 Jahre hier steht. Vielleicht ist der Blitz in den Mythen eingeschlagen und im danebenstehenden Haggenspitz, die ragen ja sehr in die Höhe. Der Freund mit dem ich whatsappte beruhigte mich. Das Gewitter zog vorüber und ich suchte mir ein paar Handtücher zusammen um das Wasser vor dem Fenster aufzuwischen. Na das kann ich wohl vergessen mit der tollen Sicht morgen, schade.

:-)

Haggenegg nach Brunnen

17 km

10.6.18

Morgens um 6 Uhr stand ich auf, schaute raus und es sah aus, als ob nie was gewesen wäre. Krachender Sonnenschein, nichts wie raus, den Berg wieder hoch und oh.....

Der Hammer-Blick über die komplette Alpenkette, ganz klar mit allen schneebedeckten Bergen. Ich hatte einen tollen Rundum-Blick, rüber zu den Gitschen (2513 m) und auf der anderen Seite Richtung Hochflue (1688 m), runter zum Vierwaldstätter See, der in Alpen eingebettet dalag und türkis schimmerte. Ich stand da oben und war so so happy, dass ich in Rothenburg geradeaus gelaufen und nicht abgebogen bin. Es ist so schön hier. Mir stockt der Atem.

Also Leute, wenn ihr hier mal langlauft, dann übernachtet hier, es lohnt sich wirklich.

Die Sonne kommt langsam hoch und die Schatten, die die Berge werfen, verziehen sich. Ich gehe wieder runter zum Gasthof und darf draußen frühstücken. Sie haben mir alles aufgebaut. Mensch in so einer Kulisse zu frühstücken, das ist toll. Und die Sonne wärmt auch schön, wenngleich es hier oben doch kühler ist als unten, das merkt man schon. Nun zum wandern ist's gut.

Das ist doch mal Frühstücks-Ambiente :) Und Mythen und die Gitschen im Hintergrund

Und ich kann es nicht glauben, was sehe ich da? Da kommt ein Jogger den Pfad hochgejoggt. Die Schweizer sind irre!

Ich schultere meinen Rucksack und mache mich auf den Abstieg, 1000 Höhenmeter nach unten. Oh oh. Mein Knie habe ich ordentlich fest gewickelt. Also wenn es das hinbekommt, dann ist wirklich alles gut. Es geht einen schmalen Weg durch den Wald. Vom gestrigen Regen ist alles noch sehr feucht und es duftet gut nach Wald, wenig später nach Knoblauch: aha Bärlauch! Es ist hier ganz anders, überall quietschgrüne Blätter, Farne, Bärlauch und steil. Zwischen den Bäumen fällt der Blick auf den Urirotstock (2928 m) und dem Schlieren (2830 m), ganz schön hoch. Es ist sehr steil und ich falle teilweise in eine Art Galopp, dann kommt eine Wanderhütte in Sicht, ich setze mich hin, die Beine zittern, die Kraft ist weg. So ein Abstieg kann es auch ganz schön in sich haben. Nach einer gehörigen Pause kommt die Kraft zurück und ich kann weitergehen.

Jetzt geht es ein bisschen seichter den Berg runter. Ich komme aus dem Wald raus und habe einen tollen Blick über die saftigen Wiesen hin zum Luerzer See und dem Ort Seewen, links davon liegt der Ort Schwyz, auf den ich nun zu gehe. Ab und an kommt mir ein Radler entgegen, nun, bin ich ja schon gewohnt.

In Ried sagt mir ein Schild, dass ich schon auf 668 m Höhe angekommen bin, den größten Teil des Abstiegs geschafft, die Häuser von Schwyz kommen in Sicht. Ich komme unten mitten in ein Fest rein. Es ist Sonntag und heute ist Velotag (Velo = Fahrrad) Die Straßen sind gesperrt für Autos und man kann nur mit Velo fahren, Es tobt der Bär und ich verziehe mich erst mal in die St. Marien Kirche am Hauptplatz. Hier ist es angenehm ruhig. Die Kirche ist in Barock gehalten und ist schön kühl. Dann mache ich mich wieder auf in den Trubel. Nach der Stille oben auf dem Haggenegg ist mir das zu viel und so gehe ich weiter.

Schwyz Hauptplatz mit Velos, vielen Menschen und den Mythen im Hintergrund

Und hier die St. Marienkirche

Und hier gibt es auch noch einen schweizer Klassiker nach Toblerone, Appenzeller, Almkuh: das schweizer Taschenmesser. Es wird hier in Schwyz hergestellt und es gibt auch ein Museum dazu, welches ich aber nicht besuchen werde. Ich mache mich mit diverse Velofahrern raus aus dem Ort über die Muota rüber (nur 30 km lang, also besonders lang sind die Flüsse hier aber nicht). Sie fließt später in den Vierwaldstätter See. Es wird ruhiger und ich gehe über Wiesen, passiere die ein oder andere Kapelle Richtung Ingenbohl, dem Kloster, wo ich heute unterkommen werde. Ich mache Pause auf einer Bank neben einer alten Dame. Wir kommen ins Gespräch und ich ging dann wieder meinen Weg an der von außen unscheinbaren St Wendelin Kapelle vorbei, die von innen aber viel zu bieten hat. Schöner Barock in tollen Farben.

St. Wendelin Kapelle kurz vor Ingenbohl

Kurz vor dem Kloster kommt mir eine Nonne entgegen, mit der ich auch noch lange rede und die mir den Weg zur Pilgerunterkunft weißt, auch wieder ein Mehrbettzimmer. Nachdem ich es bezogen hatte nahm ich den Bus runter zum See, denn den wollte ich heute unbedingt sehen bei dem tollen Wetter. Hier unten in Brunnen am Vierwaldstätter See tobte ebenfalls der Bär, denn hier war das Velo-Ziel und die Radfahrer kamen hier alle an. Es ist Sonntag und es ist an der Promenade viel los. Der See schlängelt sich in die Alpen eingebettet durch das Tal. Die Alpen ragen steil aus dem See heraus, einfach unheimlich beeindruckend. Ab und an kommt ein Schiff aus Luzern vorbei oder aber aus Treib, das liegt direkt gegenüber, da werde ich morgen auch rüberfahren.

Füße baden im glasklaren türkisen Wasser, was für eine Farbe einfach toll. Die Menschen sitzen draußen, Musik im Hintergrund. Ich genieße es, hat schon ein tolles Flair, das macht Bock auf ein Eis. Als ich das Preisschild sah, ließ ich es sein mit dem Eis, eine Kugel 3,50 Franken, das sind über drei Euro für eine Kugel und die war nicht mal groß. Seid ihr völlig bekloppt? Nee, nicht mit mir!

Vierwaldstädter See-Ambiente und Schiffsanleger

Ich besuche noch die Bundeskapelle, die genau an dem Ort steht, wo die drei Urkantone Uri (ja das aus dem Kreuzworträtsel), Schwyz und Unterwalden sich das Gelübde (also das Zusammenhalten) gegen fremde Vögte gaben. Das war im Jahr 1315. Daraus ist später die Schweiz entstanden.

Brunnen mit Bundeskapelle, Hauptstraße , Velo-Ziel und Café-Ambiente

Ich holte mir noch ein kühles Quöllfrisch und nahm den Bus wieder hoch nach Ingenbohl, kam noch rechtzeitig zur Komplet der Nonnen. Der ganze Saal war voll, hätte nicht gedacht, dass hier so viele Nonnen leben. Abendbrot war wieder Brötchen mit Appenzeller, lecker :-) Ich verbrachte die Nacht tatsächlich wieder alleine, ist keiner mehr gekommen. Schon erstaunlich, hätte gedacht, dass mehr los ist. War ja in Rapperswil auch gewesen, aber scheinbar beenden viele Pilger einfach in Einsiedeln und dann ist Schluss. Nun denn, mal sehen ob ich noch einen Pilger treffe auf meinem Weg.

Brunnen vom Anleger aus