Figeac nach Saint-Jean-Pied-de-Port 4

9.6.21

Ostabat-Asme 

nach Saint-Jean-Pied-de-Port

23 km

Wir machen die Fensterläden auf und haben den Blick auf wolkenverhangene und leicht im Nebel liegende Berge. Sie Sonne bescheint dieses Bild, noch, denn sie sollte sich noch verabschieden und es sollte bedeckt bleiben. Nach dem Frühstück und einem fröhlichen „Bide on“ ging’s dann aus dem Ort hinaus. Auch heute gibt es einiges zu wandern, aber nicht mehr so krasse Berge. Eine kleine Straße geht an Gehöften vorbei, das Wolken-Nebel-Sonne-Spiel sieht mittlerweile sehr spektakulär aus. Wir werden mal wieder von kläffenden Hunden begrüßt, die es hier im Süden wieder vermehrter gibt, aber zum Glück sind sie alle hinter Zäunen, besser ist es. Auch gab es in Ostabat ein krasses Taubenkonzert. Die Kandidaten, Türken-als auch Ringeltaube sind zuhauf zugegen, fühlen sich hier scheinbar wohl. Nun so ist das nun mal. Schafe hier und Schafe da, Wolkenbänder über den abgeernteten Feldern machen das ganze fast mystisch. 

Der letzte Sonnenstrahl kommt durch die Wolkendecke, das war's, schade. Die Landschaft ist wunderschön, die Berge ragen empor, wir laufen durch das Pyrenäen-Vorland. Es geht ein wenig einen schmalen Weg an der befahrenen Straße entlang, überquert diese jedoch, um dann einen anstrengenden Berg (im Miam Miam Dodo gelben Berg!!) hoch nach Gamarthe, einem kleinen landwirtschaftlich geprägten Ort, zu gehen. Von überall her hört man das Geblöke der Schafe. Wir machen an der Kirche Pause, die jedoch selber geschlossen ist, aber es gibt einen Vorraum mit Bänken. Lösungsorientiert  wie wir sind nehmen wir uns einfach eine mit nach draußen und setzen uns dann in die Wärme. Es ist nicht wirklich kalt, aber auch nicht hot heute. Wir machen Mittagspause auf eben dieser Bank, ich besorge mir ums Eck vom Friedhof noch Wasser und weiter geht’s. 

Wir kommen an eine kleine Abri (Schutzhütte). Toll ist das, die ist richtig ausgestattet mit Betten, einem Tisch, Stühle, draußen ein Wasserhahn zum waschen. Alles sehr rustikal, aber wenn nichts anderes da ist, ist das immer noch besser als im Freien irgendwo zu hocken, finde ich. 

Mit leichten Bergen geht es rauf und runter, um uns eine quietschgrüne Natur, unten im Tal sind kleine Dörfer zu sehen und es gibt ne Menge Asphalt. Das ist natürlich anstrengend, aber auch zu meistern. Wir haben Zeit und können Pausen machen. Mittlerweile fühlen sich unsere Füße aber wie Plattfüße an, aber auch das gehört eben dazu. 

Es geht den Berg runter zu einem kleinen Ort mit unaussprechlichen Namen im französischen, als auch im baskischen: Bussunarits oder auch Buzunaritze  :-) Die Kirche mit dem von mir benötigten Wasser ist mir zu weit entfernt, somit warte ich auf den nächsten, der kurz vor einem Château am Straßenrand steht, toll. Wasser rein schütten und weiter. Wir suchen einen weiteren Pausenort abseits der Piste, den wir dann auch auf einem geernteten Heufeld finden. Das ist wunderbar, es duftet nach Heu und ist schön trocken und weich. Die Sonne lugt nun auch ab und an wieder hervor und keiner kann uns sehen, wir aber sie. Laurence läuft alleine an uns vorbei, wo hat er denn die Mädelshorde gelassen? Da wir in SJPDP (Saint-Jean-Pied-de-Port abgekürzt) in Hotels unterkommen werden, werden wir dann doch hoffentlich nicht mehr das Vergnügen haben auf lautes Gekreische und Co, wie schön! Wir essen was, lüften die Plattfüße und machen uns dann auf zum Abschlusswalk dieser Etappe. Gut fünf Kilometer haben wir noch vor uns. 

Wir laufen durch den etwas größeren Ort Saint-Jean-le Vieux, welcher wohl ein wichtiger Ort an einer alten Römerstraße war. Von hier aus soll Karl der Große tatsächlich zum Pass von Roncesvalles aufgebrochen sein, so so. Wir gehen durch und kommen wenig später am kleinen Fluss Laurhibar an, statten der kleinen und hübschen Kirche Saint-Marie-Magdeleine einen Besuch ab und nun ist es soweit...

...leicht bergan geht es nach Saint-Jean-Pied-de-Port. Ich kann es immer noch nicht ganz glauben jetzt tatsächlich hier angekommen zu sein. Als ich damals in Lüneburg losging, hatte ich das überhaupt nicht auf dem Schirm mal so weit zu pilgern. Und nun habe ich ganz Deutschland durchquert, die Schweiz und jetzt Frankreich. Hammer!

Wir kommen an der Porte Saint-Jacques an, der Eingang zur Altstadt. Die vier Basken aus Ostabat stehen auch schon hier, einer von ihnen macht unser Ankunft-und Abschlussfoto von uns beiden. Es ist ein besonderer Moment finde ich. Was habe ich nicht schon alles von diesem Ort gehört. Ich bin so gespannt wie es sein wird. 

Wir gehen durch die Porte und befinden aus auf der Rue de Citadelle, die bergab Richtung Fluss Nive führt. Alte Häuser aus dem 15.-17. Jahrhundert sind zu bestaunen. Viele Gîtes, Hotels, Pensionen sind links und rechts anzutreffen, kleine Lädchen mit allerlei Tünnes. Auch gibt es einen Pilgerladen, ich glaube von dem hatte Hape Kerkeling berichtet, als er sich mit Pilgerstab und co eindeckte, denn hier war alles zu erhalten, von Pilgerstäben, Hüten, Pilgerführern und diverses. Und es gibt ein Pilgerbüro. Hier meldet man sich an, wird registriert, kann auch Kartenmaterial erhalten und bekommt einen Stempel in den Créanciale, den Pilgerpass. Für die meisten ist das der erste Stempel. Aus Berichten habe ich gehört, dass hier die Horden Schlange stehen. Bei uns sind jetzt nur unsere vier Basken zugegen. Überhaupt habe ich mir auch vorgestellt dass viel mehr los ist. Ich frage die Frau im Büro hinterm Tisch sitzend, wie denn die Lage so wäre. Nun es sind noch nicht so viele unterwegs wegen Corona, aber es werden jetzt von Tag zu Tag mehr. Meine Mitpilgerin Monique, mit der ich ja letztes Jahr einen Teil gegangen bin ist nun gerade auf dem Camino Francés unterwegs und sagt, dass es schon voller ist, als die Wege davor, aber es fehlt ja eben die ganze Welt, die wegen Corona nicht zugegen ist, somit ist das gut zu machen. Ich habe ja so ein bissel Bammel vor Horden, somit habe ich mich ja auch für den Camino del Norte im weiteren Verlauf entschieden, Elisabeth ist noch unschlüssig, wird sich aber später doch für den Camino Francés entscheiden. 

Wir gehen die ganze Straße runter zur Brücke über den Nive und zur links von uns sich befindenden Kathedrale Notre-Dame, der Kirchturm ist zugleich der Turm des nächsten Tores zur Brücke, das ist schon besonders. Wir treten ein. Still ist es hier, wenig Leute sind zugegen, dafür aber ein ganzer Haufen angezündeter Kerzen, toll sieht das aus. Auch die drei Kirchenfenster in der Apsis sind einfach nur klasse und beeindruckend.

Saint-Jean-Pied-de-Port heißt auf Baskisch Donibane Garazi, wie wir wissen, toller Name, geht mir gar nicht mehr aus den Kopf. Es ist die Hauptstadt von der Provinz Basse-Navarre, einer der sieben baskischen Provinzen. Gut 1500 Einwohner zählt die Stadt am Fuße der Pyrenäen, gar nicht mal hoch gelegen mit 190 Höhenmetern. Steil ragen die Pyrenäen vor uns auf. Die Einwohner heißen Garaztar oder Donibandar, auch schön und leben vorzugsweise vom Pilgertourismus, wie man sich vorstellen kann. Alles ist auf den Pilger ausgerichtet. Um die 60000 sind es jedes Jahr, die von hier aus starten. Die Stadt existiert seit dem 12. Jahrhundert und ist von einer kompletten Stadtmauer umgeben, die Zitadelle thront hoch oben auf dem Berg mit Blick in alle Himmelsrichtungen. Früher haben hier einige Kämpfe stattgefunden, somit war eine Befestigung vonnöten. Der Ort hat schon was, kann ich nicht anders sagen. Schön schlängelt sich der Fluss durch den Ort und unter  mittelalterlichen Brücken hindurch. Spanien ist keine 20 km mehr entfernt.

Unten angekommen machen wir uns aber erst mal auf unsere Hotels zu suchen. Sie liegen dicht beieinander und leider an der großen Hauptstraße, wo der Verkehr tobt, dass einem schwindelig werden könnte. Wo wollen die denn alle hin um Himmels willen? Leicht genervt kommen wir an Elisabeths Hotel an. Oh man, wir hoffen nur dass unsere Zimmer nach hinten raus gehen, vor allem ich, denn ich werde zwei Nächte hier verbringen. Elisabeth wird morgen schon mit dem 6.30-Uhr-Zug losfahren. Beide haben wir aber Glück und somit war alles wieder gut. Ich habe ein schönes Zimmer mit Blick auf die Weinberge. Ja tatsächlich gibt es im Baskenland einen guten baskischen Rotwein, denn die Region Irouleguy ist direkt ums Eck. Ich habe ein großes Bett und eine Coin cuisine, also eine Kochnische mit Kaffeemaschine, Toaster und einen Kühlschrank, alles was man so braucht, toll. Nach der Dusche gibt’s erst mal einen leckeren Kaffee und dazu leckere Galettes, Butterkekse.

Frisch und ausgeruht treffen wir uns wieder und gehen nochmals in den Ort, setzen uns draußen in eine Brasserie und trinken ein schönes baskisches Bier. Wir wollen nachher zusammen ein Abschlussessen im hiesigen Restaurant gleich am Fluss zu uns nehmen, da freue ich mich schon drauf.

Seit exakt heute gilt die Ausgangssperre ab 23 Uhr und die Innengastronomie hat geöffnet. Das ist ein Segen für uns, denn es wird doch frisch gegen Abend und so ist es mit draußen sitzen leider nicht so klasse.

Hier in SJPDP laufen viele mit Maske rum. Mir erschließt es sich nicht, ob die einfach vorsichtig sind oder ob es hier Pflicht ist, aber als ich einen Polizist ohne Maske da stehen sehe, da ist mir dann klar, nee Pflicht ist es nicht. Die Zahlen sind nun auch in Frankreich ganz gut gesunken, das ist doch was. Wir gehen also ins Restaurant und wollen es uns so richtig gut gehen lassen. 

Wir fangen mit einem Aperitif an, der heißt Ixapa, ein Kräuterlikör, danach den guten baskischen Rotwein, lecker. Zu essen gab es Steak mit Pommes und Co und noch einen Crème Brulée für mich. Wir sind fast geplatzt. Währenddessen gingen wir unsere Tour durch, was wir erlebt haben, wie wir was fanden, schwelgen in Erinnerungen.

Vor Elisabeths Hotel verabschieden wir uns mit einer langen Umarmung. Schön war es gewesen, dass wir acht Tage zusammen gegangen sind. Was für eine schöne Pilgertour, die jetzt hier ihr Ende findet. Ich bin erfüllt von all den Erlebnissen, der wunderschönen Landschaft, das tolle Essen, der Vin und überhaupt alles. Frankreich ist wahrlich eine Reise wert. Nun bin ich quer durch Frankreich gelaufen. Für mich wären es dann entlang der Pyrenäen noch ca. 80-90 Kilometer bis nach Irún in Spanien, für Elisabeth sind es nur 20 km quer über die Pyrenäen nach Roncesvalles, ein anstrengendes Stück Berg liegt da vor ihr. Ich habe nie verstanden warum die Leute alle hier anfangen und das anstrengendste Stück des Weges am ersten Tag hinter sich bringen. Schön ist doch bestimmt anders. Jetzt so nach vier Wochen könnte ich mir ohne Probleme vorstellen auch weiterzugehen, einfach über den Berg rüber. Über 1000 Höhenmeter sind zu überwinden. Na ich denke für Elisabeth wird es das nächste Mal kein Problem sein, denn sie ist ja fit.

Ab November ist der Weg gesperrt zu gefährlich, viele mussten hier schon ihr Leben lassen, da das Wetter umschlagen kann und dann ist nichts mehr zu sehen bzw. wird es saukalt. Monique erzählte, dass das ein oder andere Kreuz am Wegesrand zu sehen ist. Der Camino hat es also in sich. Bei mir wird es dann gemächlicher auf dem Zubringer zum Camino del Norte zugehen, dafür ist der Camino dann aber wesentlich anstrengender, bergiger als der Francés, nun denn, das ist aber eine andere Geschichte, die soll ein anderes Mal erzählt werden gell?

Ich gehe allein zu meinem Hotel zurück, höre noch in meinem Hörbuch auf meinem großen Bett das letzte Kapitel und schlafe dann ein.  

 

10.6.21

Ein Tag in Saint-Jean-Pied-de-Port

Um 6.00 Uhr stehe ich auf und mache mich auch sogleich auf zur Porte St-Jacques hoch, um mir den Sonnenaufgang anzuschauen.

Ich gehe durch das UNESCO-Weltkulturerbe-Tor in die Rue de la Citadelle. Ich will die vielen Pilger morgens losgehen sehen, die nun ihren Weg nach Santiago de Compostela anfangen oder fortsetzen. Die Straße ist ziemlich leer, hmm, nix los. Und wer kommt mir da ums Eck? Die vier Basken aus Ostabat, sie werden nun starten. Toll ich wünsch ihnen einen bide on (buen camino oder bon chemin, je nachdem welche Sprache man spricht) und sie ziehen ihrer Wege die Straße hinunter zum Fluss. Ich stehe alleine da und schaue ihnen nach. Ist schon ein eigenartiges Gefühl, finde ich. Irgendwie krampft sich mein Herz ein wenig zusammen.

Ich hole mir frisches Baguette und ein paar Chocolatines vom Bäcker und gehe dann auch den Weg runter und raus aus der Porte d’Espagne, bin doch neugierig wie es so weitergehen würde mit dem Camino. Ab hier geht es den Berg hoch, ein Schild besagt, dass der Camino geöffnet ist, man also hoch darf, aha, schön. Knapp 25 km sind es bis nach Roncevaux, wie Roncesvalles auf Französisch heißt. Ich gehe ein Stück des Weges mit, stehe oben und schaue auf den Ort runter. Für mich heißt es aber nun wieder umkehren, zurück zum Hotel frühstücken, denn die Fortführung meines Caminos findet ein anderes Mal statt und ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt wird.

Mir kommt eine Spanierin entgegen, die mich auf Spanisch fragt, ob das der Weg nach Roncesvalles ist. Das finde ich ja speziell, das würde ich ja nicht machen, einfach in einem fremden Land in meiner eigenen Sprache loslabern. Ich sage auf Französisch, dass ich sie nicht verstehe, habe ich auch nicht, dann versucht es sie in gebrochenem Französisch. Nun, geht doch. 

Ich gehe runter zum Hotel, mache mir einen Kaffee, esse leckeres Baguette mit französischer Hartsalami, danach ein Chocolatine. Elisabeth ist nun bestimmt schon in Bayonne und wird da in den nächsten Zug nach Paris umsteigen, morgen mache ich dann dasselbe. Ist schon toll, dass hier direkt ein Zug losfährt, ist zwar eine lange Fahrt nach Lüneburg, die Anschlüsse sind aber ideal, kann man nicht anders sagen. Leider hat es sich wieder zugezogen. Ich mache mich auf in den Ort und wandere durch die noch wenig bevölkerten Straßen, was sich aber alsbald ändern sollte. Nicht dass jetzt die Massen an Pilgern hier unterwegs gewesen wären, die blieben tatsächlich aus, nein, ich denke viele Tagestouristen sind hier am Start. Jedenfalls sahen die auch von der körperlichen Ausstattung nicht nach Pilger aus, wenn ihr wisst was ich meine :-)

Ich ging am Fluss Nive entlang, ein netter Wanderweg, über eine süße Brücke rüber zum Pelotafeld, was tatsächlich ein kleines Stadion mit vielen Sitzplätzen ist. Eine Gruppe Kinder mit Lehrerin üben sich auf der kleinen Pelotawand, ja ja, früh übt sich, wer ein toller Pelotaspieler werden will. Ich esse ein weiteres Chocolatine.

Zurück am Nive gehe ich auf der anderen Seite des Flusses ein in Stein gehauenes schmales Treppchen hoch zur Zitadelle, von da aus soll man einen tollen Ausblick haben. Oben angekommen gibt es schon ein paar mehr Leute. Ich mache Pause mit Blick auf die Stadt, schade, dass es so wolkenverhangen ist. Meine Stimmung ist auch wolkenverhangen. Ich sitze hier so und fühle mich unendlich einsam und traurig. Ich weiß gar nicht was mit mir los ist. Nach der ganzen Tour, so viel erlebt, dann mit Elisabeth zusammen viel erlebt und nun sitze ich hier so. Vielleicht ist das so was typisches, nach Halligalli fällt man in ein Loch. So geht es mir jedenfalls. Ich gehe die Stufen auf der andern Seite runter und zurück ins Hotel. Ich will mich nur noch hinlegen, habe auf nichts Lust, bin total befrustet. Ich schlafe tatsächlich kurz ein.

Nach dem Kaffee mache ich mich nochmal auf in den Ort, die Sonne scheint doch langsam Anstalten zu machen die Wolken zu verjagen, das ist schön und erheitert mich etwas, trotz alledem fühle ich mich erschöpft und traurig. Nun tobt der Bär im Kettenhemd, wo kommen denn all diese Leute plötzlich her? Speziell. Im Pilgerladen hole ich mir ein Buch über den Camino del Norte, das gibt’s hier in allen Sprachen. Auch eine neue Tasse mit Pilgermotiv landet im Rucksack. Dann noch einen netten Wein für die Lieben zu Hause und ein paar baskische Küchlein für meine Nachbarin. 

Der Gewürzladen ist wahnsinnig beeindruckend, voll mit Leuten und duftet toll, selbst gemalte Bilder stehen in anderen Läden zum Verkauf, Blumenarrangements an den Fenstern und vor den Türen, eine Schlange vor dem Bäcker, der baskische Kirschkuchen anbietet. Es gibt ne Menge Espadrilles in allen Farben zu kaufen, die wohl ursprünglich aus dem Baskenland kommen, Baskenkäppis, klar, Schmuck, Weine und baskische Biere in allen Sorten, auch baskischen Schafskäse, der aber nicht wie der Feta aussieht, sondern wie ein ganz normaler Schnittkäse. Es ist viel los und es gibt viel zu sehen. 

Ich kehre nochmal in die Notre Dame ein, es wird ruhig. Nachdem man sich an die Dunkelheit gewöhnt hat erkennt man große Steinquarder, mit denen die Kirche errichtet wurde, sie ist innen eher schlicht gehalten. Beeindruckend sind wieder die vielen verschiedenen brennenden Kerzen an der Seite, Hammer, da waren aber schon viele Leute hier gewesen.

Unten am Fluss mache ich Pause. Kinder baden im Wasser, Angler versuchen ihr Glück im Fischfang und einige Touristen schlendern am Flussufer entlang.

Zum Abschluss bewandere ich noch die Stadtmauer, was wirklich klasse ist, denn große Teile kann man hier entlanglaufen mit schönem Blick in die Altstadt und die kleinen Gärten hinter den Häusern. 

Ich setze mich mit meinem Camino del Norte-Buch draußen in die Brasserie und bestelle mir ein Bier. Mein Gemütszustand hat sich nun wieder etwas gebessert, wenngleich ich mich immer noch einsam fühle. Abends um 18 Uhr findet in der Kirche ein Gottesdienst inklusive Pilgergottesdienst statt. Ich setze mich einfach hinten hin und höre zu. Wenig später werden die Pilger aufgerufen nach vorne zu kommen, ich gehe einfach mit. Wir sollen sagen wie wir heißen und woher wir kommen und bekommen jeder den Segen. Das ist für mich gerade so emotional, dass mir die Tränen kommen. Ich sitze bei den Kerzen, zünde mir zwei an und fange an zu weinen, kann mich gar nicht mehr beruhigen. Nachdem ich noch „Der Herr ist mein Hirte“ vor mich hinbete, werden vorne am Altar die Lichter gelöscht, sie wollen zu machen. Nun ist auch okay jetzt für mich. Ist alles irgendwie heute sehr emotional, finde ich. 

Nebenan bestelle ich mir eine Pizza, die ich mir dann mit nach Hause nehme und am Fensterbrett Mauersegler und Schwalben beobachtend reinziehe. Im Hintergrund ist Musik zu hören, die Sonne macht sich auf unterzugehen. Die Mauersegler werden immer verrückter je später die Stunde voran schreitet, die Tauben irgendwie auch. Ein wunderbares mediterranes Flair finde ich und Ruhe kehrt in mein einsames Herz ein. Nun fühlt es ich gar nicht mehr so einsam an, beruhigt sich wieder. Mein Blick schweift über die Dächer rüber zu den Weinbergen, dessen Wein wir ja gestern zusammen zum Abschluss getrunken hatten.

Morgen werde ich nun auch den 6.30 Uhr Zug nach Bayonne nehmen. Elisabeth hat mir ab und an aus dem Zug gewhatsapped. Sie ist gut am Ende angekommen, das ist doch wunderbar. Sie ist jetzt also schon zu Hause bei ihren Lieben und wird alsbald ihre nächste Tour, die tatsächlich diesen September stattfinden soll, planen. Für mich heißt es nun schlafen gehen und morgen früh aufstehen.

11.6.21

Saint-Jean-Pied-de-Port 

nach Lüneburg 

Es ist noch dunkel draußen. Sie Sonne geht hier geschlagene anderthalb Stunden später auf als oben im Norden. Ich packe meine Sachen, schultere meinen Rucksack, schaue mich nochmal um und auf geht’s. Still ist es in der sonst geschäftigen Straße. Ich gehe die kleine Nebenstraße zum ebenfalls kleinen Bahnhof. 

Ein paar Leute stehen schon am Bahnsteig. Ich treffe auf einen Pilger, den ich schon kenne, seinen Namen habe ich vergessen, er fährt heute auch nach Hause, irgendwo in Südfrankreich, aber eben östlicher. Er hat eine blöde Verbindung, da die Züge hier in Frankreich immer über Paris gehen, somit ist er ebenfalls lange unterwegs heute. Er macht mein Abschlussfoto und wir quatschen noch ein bissel im Zug sitzend. Eine Stunde dauert unsere Fahrt.

In Bayonne geht’s in den TGV, der mit Turbogeschwindigkeit und nur zwei Stopps nach Paris rast. Da kann einem echt schwindelig werden. Ich bewahre mir meinen Platz alleine und genieße die Aussicht, bin sehr nachdenklich. Zum Glück sind die Bistros nun wieder geöffnet, so kann ich mir einen Kaffee holen und mein Frühstück zu mir nehmen. Und was besonders geil ist, das kann ich auch nur jedem empfehlen, ich kann hier schon ein Metroticket kaufen, denn ich komme in Paris Montparnasse an und muss wieder zum Gare de L’Est, 50 Minuten habe ich diesmal Zeit, das sollte zu schaffen sein. Aber mit Ticket schon in der Tasche, das ist großartig. 

Wenig später in Paris geht’s ewig untertage rüber zum Metrobahnhof. Sogar ebene Rolltreppen wie auf dem Flughafen gibt es hier. Also dass ich heute noch mal ne Wanderung mitmachen würde, hätte ich nun nicht gedacht, aber es dauert doch geraume Zeit bis ich in der Metrostation ankomme. Menschenmassen laufen hektisch neben mir her, es ist echt der Teufel los. Ich singe das Ultreya-Lied vor mich hin und sehe das Ganze als Wanderung durchs unterirdische Paris

An den Ticket-Automaten angekommen schicke ich ein Dankesgebet gen Himmel, denn es stehen die Menschenmassen davor, das hätte jetzt echt lange gedauert. Aber nee, ich habe schon eine Karte, toll. Tiefenentspannt gehe ich an dem Automaten, den ich jetzt nicht brauche, vorbei, ab durch den Türöffner und weiter geht’s. Alleine von den vielen Menschen bin ich schon total im Eimer. Ich komme am Gare de L’Est an und habe noch gut Zeit rüber zu Burger King zu gehen und mir was zu essen zu holen. Nach einer langen Suche nach einem stillen Plätzchen lande ich am Ende eines stillen Bahngleises auf einem Betonklotz und esse tiefenentspannt vor mich hin.

Zum Glück ging ich jedoch frühzeitig zu meinem Gleis, denn auch hier standen die Horden. Wieder musste man durch so eine Ticketsperre durch und dann war der Zug noch gefühlte zwei Kilometer lang und ich musste natürlich ganz nach vorne. Oh man, geschafft. Da bin ich ne Menge heute gewandert :-)

Neben meinem Platz sitzt schon ein Herr. Ich schau mich weiter im Zug um und sehe noch freie nicht beschriftete Plätze, ich nehme mir einen von denen und sinke in den Sessel. Hier bleibe ich nun und sollte auch alleine bleiben, wie schön. Wiederum mit Turbogeschwindigkeit geht’s nach Strasbourg und kaum über den Rhein rüber wurde es schnarchig, na das kennen wir ja schon. Wir schaffen es bis Karlsruhe und ich bekomme auch meinen Anschlusszug, da der wartet, wie schön. Wir schleichen durch Deutschland, ich könnte mal wieder brechen. Zum Glück hat auch hier das Bistro auf, leider haben sie nur die Hälfte ihres Angebots, der Rest soll in Hannover dazu kommen. Nun, ein Bier reicht erst mal, das beruhigt. Es gibt die üblichen technischen Probleme der Deutschen Bahn. In Hannover erzählen sie was von „unbestimmte Zeit warten", da sich angeblich irgendwas auf den Gleisen befindet, ich fange an zu weinen, bin einfach nur im Eimer. Die Fahrt ist schon lang und wenn dann noch solche Geschichten mit dazukommen, dann geht einfach auch nichts mehr. Aber es geht tatsächlich alsbald weiter und ich sollte tatsächlich in Lüneburg ankommen. Erleichtert steige ich aus dem Zug und zack ins Taxi und zack wieder raus, da bin ich nun.

Meine Pilgertour ist vorbei.

Aber bekanntlich ist nach dem Pilgern vor dem Pilgern. Ich brauche neue Bâtons (Wanderstöcke) und vielleicht bekomme ich doch noch ein paar Schuhe, die wasserdicht sind und wo mein Zeh nicht aufmuckt, denn das mit den nassen Schuhen ist blöd, wenngleich die Überzieher schon gute Arbeit geleistet haben, das muss ich schon sagen. 

Da sitze ich nun und habe meinen Stein aus dem Quercy, wo ich eigentlich meine Sorgen und Lasten raufpacken und den irgendwo ablegen wollte, mit nach Hause genommen, hatte ihn einfach in der Hosentasche vergessen. Hmm, ob das ein schlechtes Zeichen ist? Nun, er liegt hier immer noch, vielleicht war er einfach noch nicht dazu bestimmt irgendwo hingelegt zu werden. Wer weiß das schon? Vielleicht kommt er mit zur nächsten Tour?

Wie wird es weitergehen? Nun bin ich ja in Frankreich schon tiefenentspannt, aber in Spanien? Mit Französisch komme ich gut klar, aber mein spanisch ist sehr bescheiden, vielleicht mache ich nochmal einen Kurs, wenigstens Pilgerspanisch möchte ich können, also so das notwendigste. So gut wie mit Französisch wird es aber nicht werden. 

Nun denn, das ist aber eine andere Geschichte, die soll ein anders mal erzählt werden. 

 

Meine Seele ist stille zu Gott,

der mir hilft.

Denn er ist mein Fels,

meine Hilfe, mein Schutz, 

dass ich gewiss nicht wanken werde.

Ps 62

 

Nachtrag: 

Mein erster Arbeitstag war so schrecklich, dass ich mich gleich am nächsten Tag um meine weitere berufliche Zukunft gekümmert habe. So Gott will, wird es geschehen. Ich harre auf die Dinge, die da kommen. Aber eines weiß ich gewiss: 

Es wird gut!